Kultur : Dieter Hildebrandt startet ein Festival der Metaebenen

Frederik Hanssen

Die Verwechslung ist beabsichtigt: Wenn das Plakat einen Auftritt der "Philharmonischen Cellisten" zusammen mit Dieter Hildebrandt ankündigt, soll der Kartenkäufer natürlich an die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker denken. Mit denen haben die sechs Herren und ihr Programm "Vorsicht Klassik!" allerdings nichts zu tun, selbst wenn sie im ausverkauften Berliner Kammermusiksaal autreten. Trotzdem werden keine halben Portionen serviert - und der Kabarettist ist auch der echte.

Und ganz der alte: Kaum auf der Bühne, poltert er los gegen die CDU. Dem Thema mit Variationen auf eine Melodie von Schäuble folgt die Toccata über K-o-h-l nebst einem Praeludium aus dem Notenbüchlein für Gerhard Schröder. Hildebrandt ist gut drauf an diesem letzten Abend seiner Tournee durch bundesdeutsche Konzertsäle. Selbst die Musiker müssen immer wieder grinsen. Denn das joint venture aus Kabarett und Klassik funktioniert tatsächlich. Was auf dem Papier vor allem nach gegenseitiger Publikumsbeschaffung aussieht, entpuppt sich live als Festival der Metaebenen. Denn ohne Wiedererkennungseffekte läuft da gar nichts, zünden weder die musikalischen noch die politischen Pointen: Nur wer den Kanon kennt, weiß, was ich meine.

Das macht gesellschaftskritisches Kabarett wie satirische Tonkunst zwangsläufig zu elitären Minderheitenprogrammen für Kenner und Durchblicker. Bei Comedy und Cross-Over kann jeder mitmachen und mitlachen - wer aber die Gags in "Haydns südamerikanischen Saitensprüngen" entschlüsseln will, braucht mehr als Klassik-Radio-Kenntnisse. Für Habitués sind die Bearbeitungen, die der Kopf der "Philharmonischen Cellisten", Werner Thomas Mifune, den sechs virtuosen Streichern in die Finger geschrieben hat, jedoch wahre Gag-Schleudern: Das "Wiener Neujahrskonzert in drei Minuten" als sechsstimmige Fuge der robustesten Walzer-Hits, Beethovens "Fünfte" für fünf brave Musiker und einen Revoluzzer, der ständig mit fremden Melodieschnipseln dazwischen funkt, die Veredelung eines "Bild"-Artikels zum Melodram mit obligatorischem Ritt durch die Musikgeschichte - da bleibt nur dem das Lachen im Halse stecken, der die Klassiker noch flüchtiger kennt als Wolfgang Schäuble den Herrn Schreiber.

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