Digital Art : Rubens im Polygonmeer

Das Digitale ist ein selbstverständlicher Teil der Kunst geworden. Berlin ist heute ein Zentrum zeitgenössischer Kunst mit digitalen Mitteln.

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Künstler Davide Quagliola, aka Quayola, fotografiert in der Galerie Nome, Berlin Friedrichshain.
Künstler Davide Quagliola, aka Quayola, fotografiert in der Galerie Nome, Berlin Friedrichshain.Foto: Mike Wolff

Venus greift nach ihrem sterblichen Liebhaber. Ihr unbekleideter Arm, der leicht geöffnete Mund, der Blick, mit dem sie, die Liebesgöttin, Adonis von der Jagd abhalten will, bei der er – so die Sage – von einem Eber getötet wird: ein ikonisches Bild, gemalt von Tizian, Spranger, Rubens.

Hier, an einer Galeriewand in Friedrichshain, greift Rubens’ Venus in die Leere, ihre Augen sind unter einem Polygonpuzzle vergraben. Goldene und schwarze Quader und Prismen lösen sich wie im Relief von der Leinwand. Das Bild wirkt, als würde es geometrische Körper auf den Betrachter schleudern. Kleine Teile des Originals sind noch sichtbar, aber die Abstraktionen dominieren das Bild. Als hätte jemand Rubens’ „Venus und Adonis“ digital zerwürfelt. Wie vom Computer geschluckt, durcheinandergemischt und wieder ausgeworfen.

Der Mann, der dem Computer vorgibt, was er zu tun hat, steht vor der Venus und erklärt: „Ich mag es, wie das barocke Flair erhalten bleibt, trotz der Computerästhetik.“ Davide Quagliola, Römer, 1982er Jahrgang, hat das Bild gemalt, beziehungsweise programmiert; oder, nun, was denn genau? „Ich verstehe mich als Komponist“, sagt er. Er digitalisiert klassische Gemälde, Kirchenfresken, griechische Skulpturen. Mit einem selbstprogrammierten Tool manipuliert er das digitalisierte Werk, abstrahiert es und setzt es neu zusammen. „Das Programm ist wie mein Instrument“, sagt er, „wie ein Synthesizer“.

Quayola abstrahiert Botticelli und Rubens digital

Davide Quagliola, mit Künstlernamen: Quayola, steht in der Galerie Nome in Friedrichshain, nahe der S-Bahn Frankfurter Allee. Gerade wird die neueste Ausstellung der Galerie eröffnet. „Iconographies“ zeigt Quayolas Abstraktionen, von Rubens’ „Venus“ über Botticellis „Anbetung der Drei Könige“ bis hin zu verschiedensten digitalen Annäherungen an „Judith und Holofernes“, mal als Netz, mal als Häufung von weißen Punkten auf schwarzem Grund.

Quayolas Interpretation von Rubens’ „Venus und Adonis“ - unter einem Polygonpuzzle
Quayolas Interpretation von Rubens’ „Venus und Adonis“ - unter einem PolygonpuzzleFoto: Promo/ Galerie Nome

Dass die Ausstellung des Italieners hier in einer unauffälligen Straße im Friedrichshainer Nordkiez stattfindet ist kein Zufall. Die junge Galerie ist seit ihrer Eröffnung vor einem Jahr zu einem der wichtigsten Standorte für „digital art“ und „media art“ geworden, oder wie der Galerist, Luca Barbeni, sagen würde: Einfach nur zeitgenössische Kunst.

Das Digitale ist ein so selbstverständlicher Teil unserer Lebensrealität geworden, sagt Barbeni, dass es unpassend wäre, gerade in der Kunst eine Trennlinie zu setzen, zwischen digitaler Kunst und „normaler“ zeitgenössischer Kunst. Denn: Wo verläuft heute die Grenze zwischen „digital art“ und „normaler“ zeitgenössischer Kunst? Gibt es das überhaupt noch? Gab es das überhaupt je?

Digital Art ist nicht in Berlin geboren - die Stadt ist aber heute ein wichtiger Standort dafür

Digitale Kunst ist schon lange erwachsen. Berlin war zwar nicht ihr Geburtsort – das waren, in der deutschsprachigen Welt, eher Köln mit seinem Studio für elektronische Musik, die Stuttgarter Hochschule für Technik, oder Linz, wo es schon seit Mitte der 70er eine rege Digitalkunstszene gibt, aus der sich das wichtigste Festival der Szene entwickelte, die Ars Electronica.

Berlin war aber schon früh dabei. Die Stadt wird zunehmend wichtiger für die Szene: immer mehr „digital artists“ ziehen in die Hauptstadt. Das liegt nicht nur an vergleichsweise billigen Mieten für Ateliers und Wohnungen, nicht nur an dem Berliner Lebensgefühl, das schon seit Jahrzehnten Künstler anzieht.

Berlin hat mehrere digital spezialisierte Galerien: Nome, Future Gallery, Neumeister Bar-Am

Berlin bietet vor allem eines: die Infrastruktur. Nächstes Jahr geht die Transmediale, das Berliner Festival für digitale Kunst und Performance, in das 30. Jahr. Seit 1999 findet parallel die CTM statt, ein Festival für experimentelle elektronische Musik. Es gibt unzählige Projekträume für die digitalen Künste, 32 davon organisieren das Auftaktfestival Vorspiel, das vor der Transmediale stattfindet. Es gibt mit dem Digital Art Museum ein großes Digitalkunstprojekt, das schon mehrmals große Sponsoren aufgetrieben hat, unter anderem das Sony Center und seine Riesenleinwände am Potsdamer Platz. Vor allem gibt es in Berlin mehrere auf digitale Künste spezialisierte Galerien, wie die DAM, eine an das Digital Art Museum angeschlossene Galerie. Auch Neumeister Bar-Am mit dem Wahlberliner Harm van den Dorpel und Kate Cooper, die 2015 eine große Ausstellung in den KunstWerken hatten. Oder die Future Gallery mit dem Kreuzberger Jaakko Pallasvuo und Nicolas Pelzer, der ebenfalls Berlin zu seiner Arbeitsstätte gemacht hat.

In Kate Coopers Ausstellung "Rigged" in den Kunst-Werken in Berlin beschäftigt sie sich mit idealisierten Frauenbildern. Cooper projiziert dafür digital erstellte Archetypen perfekter Körper auf riesige Leinwände.
In Kate Coopers Ausstellung "Rigged" in den Kunst-Werken in Berlin beschäftigt sie sich mit idealisierten Frauenbildern. Cooper...Foto: promo/Neumeister Bar-Am

Oder eben Nome, die Galerie in Friedrichshain. Im vergangenen Jahr hat sie mit Paolo Cirio, James Bridle und Matthew Plummer-Fernandez bereits großartige Künstler nach Berlin gebracht. Quayola macht dieses Jahr den Auftakt. Begonnen hat Quayola in Rom, hat in den Kirchen seiner Heimatstadt die Fresken fotografiert, hat in langen Videoloops das Kirchenglas virtuell zerklirren und sich neu zusammensetzen lassen. Ob ihn die Schwere der römischen Geschichte eher beflügelt oder bedrückt? „Ich sehe meine Arbeit als Zelebration der alten Künstler und ihrer Werke“, sagt Quayola. „Ich nehme sie als Ausgangspunkt und schaue dann, wo es hingeht.“

Quayola entwirft Programme, die physische Skulpturen kreieren

Seine Dekonstruktionen waren anfangs immer Videoarbeiten. Er arbeitete viel mit Musikern zusammen, die passende Hintergrundgeräusche und -melodien entwickelten, basierend auf seinen Videos. 2013 begann er damit, Michelangelos unfertige Skulpturen aus der „Prigoni“-Serie (1513–1534) zu digitalisieren und daraus sowohl virtuelle als auch physische Skulpturen zu erschaffen. Wobei auch hier „programmieren“ ebenso angebracht wäre. Die weißen, seriell hergestellten Skulpturen werden von einem Roboterarm in das Material geschliffen. Wie viel davon ist kontrolliert und wie viel Freiraum hat die Maschine? „Ich arbeite wie in einem Dokumentarfilm“, sagt Quayola. „Im Spielfilm muss recherchiert werden, gesammelt, dann ein Plan ausgearbeitet und dann gefilmt werden. In einer Doku ist die Recherche das Material; es gibt eine Struktur, aber keinen Plan.“

Und so arbeite auch die Maschine, sagt er. Er konzipiert mit seinem Team ein Programm, mit dem er Parameter beeinflussen kann. Was genau dabei herauskommt, zeigt sich erst im Laufe der Herstellung. „Ein großer Einfluss bei mir ist Kandinsky“, sagt Quayola. „Er hat ein eigenes musikalisches Zeichensystem entwickelt und daraus dann Gemälde kreiert.“

New Aesthetics - der menschliche Blick durch die Maschine

Er habe eine ähnliche Herangehensweise: Quayola baut Programme, die wie ein solches System funktionieren und manipuliert seine Digitalisierungen dann so weit wie die Regeln des Programms es zulassen. „Dadurch entsteht ein neuer, interessanter Blick“, sagt er. „Der Blick durch die Maschine.“ Dadurch, dass wir Maschinen zwar sagen, was wir sehen und sehen wollen, aber sie es mit ihren eigenen Verständnis- und Verarbeitungsparametern umsetzen müssen, entsteht eine Mensch-Maschine-Zusammenarbeit. Die erlaube es uns, unser eigenes Sehen besser zu verstehen.

Die Idee ist als „New Aesthetics“ vor einigen Jahren ins Gespräch gekommen. James Bridle, ein andere Künstler bei Nome, hat ihn geprägt. Bridle und Quayola sind beide Anfang der achtziger Jahre geboren, ebenso Matthew Plummer-Fernandez, Paolo Cirio, Jacob Applebaum, Harm van den Dorpel, Kate Cooper und viele andere Künstler, die man als „Digital-„ oder „Media Artists“ bezeichnet. Kommt die Beschäftigung mit digitalen Methoden in der Kunst aus der Selbstverständlichkeit des Umgangs damit? „Nicht unbedingt“, sagt Quayola. „Als ich anfing, in Rom mit den Architekturprogrammen meines Bruders herumzuspielen, wusste ich nicht, dass irgendwer auf der Welt das auch so macht.“ Insofern sei es selbstverständlich, dass die Möglichkeit da war.

Eine Entscheidung, explizit Kunst damit zu machen, sei aber nie da gewesen. „Andere Künstler haben die Entscheidung bewusster getroffen“, sagt Quayola. „Bei mir war es der Moment, als ich nach London zog, mit 19, als ich plötzlich sah, dass es dort sogar ein Festival für digitale Kunst gibt – fast immer verbunden mit elektronischer Musik.“ Es sei ihm erst da bewusst geworden, dass es so etwas, wie eine „Szene“ überhaupt gibt.

Digital Art ist keine Nische, sondern einfach zeitgenössische Kunst

Großstädte haben es an sich, dass sie die verschiedensten Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen anziehen. Heute wird es wohl durch die Vernetzung im Internet einfacher sein, Gleichgesinnte zu finden, aber der physische Ort zählt noch immer sehr viel. Das lässt sich an Berlin sehen.

Berlin wird Zentrum für Kunst, in der digital-medial gearbeitet wird. Auch wenn viel im Internet stattfinden kann, brauchen auch digitale Künstler physische Orte, Ateliers, Ausstellungs- und Projekträume, Galerien. Diese früher noch außergewöhnliche oder besondere Form ist raus aus der experimentellen Ecke. Sie wird ernst genommen, gekauft und verkauft. So sehr, dass es sich lohnt, mehrere darauf spezialisierte Galerien in der Stadt zu haben. Der Kunstmarkt ist hungrig. Auf zeitgenössische Kunst grundsätzlich und auf Digital Art im Speziellen.

Berlin kann nur hoffen, dass die vergleichsweise gute Infrastruktur so erhalten bleibt, wie sie ist. Denn die kleinen Projekträume, die unabhängigen Kunstvereine und Kollektive sind die Wurzeln von Berlins Digital Art Szene. Ohne die gehen irgendwann auch die Früchte aus.

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