Digitale Ausstellung in der Galerie Eigen + Art : Ins Netz gegangen

Leere Wände und stille Gäste: Die Galerie Eigen + Art Lab lässt ihre neueste Ausstellung im Internet kuratieren - und mockiert die oberflächliche Selbstvermarktung im Web.

Lorina Speder
Wer auf Kathrin Günthers Seite "Online Celebrity Tarot" von 2016 geht, kann mit dem Werk der Künstlerin kommunizieren.
Wer auf Kathrin Günthers Seite "Online Celebrity Tarot" von 2016 geht, kann mit dem Werk der Künstlerin kommunizieren.Foto: Eigen + Art Lab

Ein nackter Raum erwartet einen im Lab, dem Projektraum für Experimente der Galerie Eigen + Art. Lediglich Tische und Stühle sind in die Räume gestellt wie in einem Café. Die Besucher sitzen und starren auf ihre Handydisplays. Die leeren Wände und stillen Gäste erklären sich allerdings schnell mittels der Werke der aktuellen Ausstellung „Free Wifi/Gratis Wlan“: Die Arbeiten sind nur online aufrufbar.

Brendan Howell, Berliner Künstler und Ingenieur, hat für „Free Wifi“ ein Intranet konzipiert und kuratiert die Gruppenschau mit acht Künstlern digital. Die internetbasierte Kunst, zu der man nur in der Galerie Zugang hat, ist abwechslungsreich und beschäftigt sich mit Inhalten, die jeden Web-Nutzer betreffen. So mokieren sich mehrere Arbeiten auf schlaue Art über den Glorifizierungsdrang der eigenen Person, den vor allem die Social-Media-Kanäle befeuern. Katrin Günters „Online Celebrity Tarot“ lässt einen in die Welt der oberflächlichen celebrity culture eintauchen, die durch diese Kanäle gefüttert wird. In ihrer Arbeit kann man eine blinkende Tarot-Karte auswählen und sein spirituelles Promi-Gesicht aufdecken. Günter spielt mit der Vermarktung jener Popstars, deren Follower bei Instagram oder Facebook die Einwohnerzahl mehrerer Länder überschreiten.

Ein Experiment über die Verkäuflichkeit von Internet-Kunst

Das Design-Duo TeYosh geht einen Schritt weiter und erfindet für das „Dictionary of Online Behaviour“ Wörter für Gefühle oder Taten, die bei uns online ausgelöst werden. So beschreibt das „e-End“ das digitale Ende einer Beziehung, das etwa auf Facebook inzwischen durch Status-Änderung oder das Blockieren der anderen Person üblich ist. Damit verdeutlicht das Duo, wie permanent wir von der anderen Realität des Internet umgeben sind.

Johannes P. Osterhoff geht in „Dear Jeff Bezos“ auf die ständige Überwachung durch das Netz ein. Jeweils beim Setzen eines Lesezeichens in seinem Kindle-Tablet verschickte er damit direkt eine Email an den Gründer von Amazon, Jeff Bezos. Weil Amazon tatsächlich jede Setzung nachvollzieht, um seinen Kunden immer neue Kaufvorschläge zu unterbreiten, versucht Osterhoff, selbst Kontrolle über die Überwachung auszuüben. Sein Werk dokumentiert die Emails eines Jahres.

Die Präsentation von Internet-Kunst ist nichts neu, aber für Galerien immer noch eine Herausforderung. Die Frage nach der Wertigkeit und Verkäuflichkeit der Arbeiten bleibt offen. Es ist das Experiment der Schau, Antworten darauf zu finden. Käufer können eingeschriebene Besitzer der Domain eines Werks werden und damit zum Beispiel die Website von „Online Celebrity Tarot“ für 8000 Euro erwerben. Weil die Werke nach der Ausstellung online zugänglich gemacht werden, handelt es sich beim Kauf um eine ideelle Unterstützung, die sich nicht vermarkten lässt, aber trotzdem notwendig ist – für die Künstler.

Eigen + Art Lab, Torstr. 220; bis 17.12., Di–Fr 14–18 Uhr, Sa 11–18 Uhr. Künstlergespräch mit Brendan Howell und der Kritikerin An Paenhuysen am 6.12. um 19 Uhr.

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