Digitale Boheme : Tod den Supermärkten!

Brennendes Geld, krude Theorien und Wege ins Glück: Das Berliner 9-to-5-Festival sucht die bessere Welt.

Michael Luger

Berlin„Ist schon ein bisschen komisch, so eine Lesung um ein Uhr“, sagt Jens Friebe, kratzt sich am Hinterkopf und sucht nach dem Fußballtext in seiner neu erschienenen Kolumnensammlung „52 Wochenenden“. Friebe, auch deutscher Indie-Songwriter, liest seine launigen Alltagsgeschichten in einem kleinen Nebenraum des Berliner Radialsystems V. Um ein Uhr nachts.

Es ist Tag eins des 9-to-5-Festivals, einer Veranstaltung von der digitalen Boheme für die digitale Boheme, in der man sich gleichzeitig feiert und selbst bemitleidet. Die digitale Boheme, das sind Menschen, die sich aus dem klassischen Angestelltendasein verabschiedet haben und stattdessen selbstständig mittels neuer Kommunikationstechniken arbeiten. Webdesigner, Programmierer, Künstler, Medienarbeiter, vom selbstausbeuterischen Praktikanten bis zum Werbeagenturinhaber.

Es passt also gut, dass der Brite Tom Hodgkinson – Autor der Bücher „Anleitung zum Müßiggang“ und „How To Be Free“ – mit einem Vortrag den Anfang macht. Man müsse sich von Zwängen wie ständiger Produktivität lösen, sagt er, Nachdenken sei die eigentliche Arbeit und das gemeinschaftlich organisierte, mittelalterliche Wirtschaftssystem ein Vorbild. Im abschließenden Manifest wünscht er den Supermärkten den Tod, schickt die Menschen zurück aufs Land und empfiehlt, die Ukulele zu spielen. Hodgkinsons Forderungen sind weit überzogen, aber zumindest mancher gedanklicher Ausgangspunkt ist spannend. Hodgkinson liefert mit seinem Plädoyer für alternative Lebensformen den theoretischen Unterbau für das dreitätige Festival mit dem bissigen Untertitel „Wir nennen es Arbeit!“. Gut ausgebildete Menschen finden keine feste Anstellung oder verweigern sich, leben weitgehend selbstbestimmt von ihren Projekten, aber ohne Sicherheitsnetz. Ein Zukunftsmodell für die Masse, oder nur ein Weg für eine kleine Elite? Kann man so überhaupt leben? Antworten darauf gibt es noch nicht, die Diskussion wird aber umso lebhafter geführt.

Das Festival steht am Donnerstag unter dem Motto „Burning Money!“ und bearbeitet das Thema durch Vorträge, Performances, Filme, Diskussionen, Lesungen, Workshops und Musik. Titelgebend ist ein selten gezeigter Film der Künstlergruppe K-Foundation, in dem eine Million britische Pfund verbrannt werden. Bill Drummond und Jimmy Cauty, als The KLF Ende der achtziger Jahre erfolgreiche Elektronikmusiker, werfen eine Dreiviertelstunde lang 50-Pfund-Note für 50-Pfund-Note in ein kleines Kaminfeuer, während Band-Roadie Gimpo mit der Kamera draufhält. Visuell weniger eindrucksvoll, dafür unverblümt, unverschämt und rücksichtslos klugscheißerisch ist der Auftritt der Wiener Künstlergruppe Monochrom, eine Mischung aus kapitalismuskritischer Vorlesung und Arbeiterlieder-Intonation, gewürzt mit theatralischem Irrsinn und einer nichtssagenden Powerpoint-Präsentation. Parallel zu den Theoriebreitseiten wird an allen drei Festivaltagen Musik aufgelegt oder live gespielt.

Am heutigen Abschlusstag unter dem Motto „Weltverbesserung“ spielt zu postmitternächtlicher Stunde unter anderem das vielköpfigeBerliner Elektronikerkollektiv nbi-Orchester. Davor präsentieren 20 Künstler, Wirtschaftstreibende und Denker ihre Vorschläge in je 20 Bildern. Und jeder hat pro Bild exakt 20 Sekunden Zeit.

„9 to 5-Festival: Wir nennen es Arbeit“

Radialsystem V,  Freitag und Samstag ab 16 Uhr

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