Kultur : Digitale Dunkelkammer

Immer anders: die Fotografie von Wolfgang Tillmans in der Berliner Galerie Daniel Buchholz

Jens Hinrichsen

Eben war die Hütte noch ein Wackelkandidat. Jetzt hat der Fotograf den kleinen Abzug von einer Bretterbude aus São Paulo doch zwischen Raumecke und Türrahmen gequetscht. Das verschattete Favela-Foto kontrastiert heftig mit dem Betonrohbau links und der Kiosk-Eismaschine auf dem Foto rechts davon. Einerseits. Andererseits spinnt Wolfgang Tillmans in der Galerie Daniel Buchholz einmal mehr ein Netz formaler und inhaltlicher Korrespondenzen. Er versöhnt Motive, die per se wenig miteinander zu tun haben. Urbane Bausünden treffen auf sinnliche Fingerhutblüten, Baby „Roy“ schlummert friedlich neben einem trostlosen Flughafenkorridor (Preise auf Anfrage). Warum passt irgendwie doch alles zusammen? Es liegt am Weitblick des Fotografen. Tillmans umarmt die Welt.

Er klappt eine Box zu, mit Fotos, die es diesmal nicht in die Ausstellung geschafft haben. „Ich mag das: Bilder merkwürdig platzieren“, sagt der Künstler, der eine „perfekte Balance zwischen Dichte und Leere“ anstrebt. Manche Fotos hängt er wieder ab, lässt Wandstellen frei. Woanders drängeln sich die Bilder. Auf jeden Fall will Tillmans gegen die übliche „coole Präsentation“ von Fotos angehen und hat deswegen eine Ecke der Galerie trotzig zugepflastert. Darauf Menschen und Orte. Wimmelbilder aus Brasilien, Argentinien, China oder Japan.

Tillmans war auf Reisen. Einige Jahre hatte er intensiv die abstrakten Möglichkeiten der Fotografie ohne Kamera ausgelotet, um den Apparat dann neu auf die Außenwelt zu richten. Wobei sich der Radius mächtig vergrößert hat, während Porträts aus dem Freundeskreis oder der Club- und Schwulenszene seiner Wahlheimat London kaum bis gar nicht in Erscheinung treten. Das Etikett „Chronist seiner Generation“ haftet immer noch an ihm. Im Zeitalter massenhafter Verbreitung privater Fotos im Internet wirkt es historisch, weil jetzt alle Chronisten sind. Ein Künstler von Tillmans’ Format reagiert natürlich auf das gängige Bildvokabular. Und bricht zu neuen Bildern auf.

Dies ist seine erste Ausstellung in der Berliner Dependance von Daniel Buchholz – und die zehnte bei seinem langjährigen Kölner Galeristen insgesamt. „Ein besonderes Jubiläum“, freut sich Buchholz, denn mit Tillmans’ Einstand 1993 in seinen Kölner Räumen verbindet er den Neuanfang der 1987 gegründeten Galerie nach der Finanzkrise Anfang der Neunziger. „Für uns war sie weit schlimmer als der jüngste Crash“, meint Buchholz. Dann schlägt er einen alten Katalog auf und zeigt auf das Foto von Lutz und Alex, die beide halb nackt auf einem Baum sitzen. Es hing bei Buchholz, in Tillmans’ erster Galerieausstellung überhaupt. Eine Ikone der Neunziger.

Tillmans’ Peergroup glänzt inzwischen durch Abwesenheit. Im Dunkeln bleibt, wer aus der geknitterten Turnhose geschlüpft ist, die auf dem Stillleben „Everlast II“ übrig blieb. Noch ein Fetisch, in den das Körperliche gleichsam imprägniert ist. Die Oberflächen leben, sie atmen überall in Tillmans’ Bildern. Mal wirkt das erotisch, mal rutscht es ins Unbequeme: Da hockt einer auf einem Teppich. Haut und Hemd sind schweißnass verklebt. Ein kleines, kränklich-blasses Bild, fast erschrickt man.

Aber dann die großformatigen Farborgien: Wer den Tukan von der kleinen Einladungskarte kennt, der staunt über den Vogel auf der großen Inkjet-Version umso mehr. Jede Pore ist zu sehen. Die orange Haut um das Auge erinnert den Künstler „an einen Neoprenanzug“. Er schätzt die Digitaltechnik, seit sie die Analogfotografie in puncto Detailschärfe übertrumpft.

Kein Grund, die gute alte Dunkelkammer dichtzumachen: Zwischen Tukan und Turnhose hängen Plexiglas-Objektrahmen, darin Bilder aus dem Fotolabor, die Tillmans durch Faltungen in Skulpturen verwandelt. Die Objekte der „Lighter“-Serie sind aus nichts als farbigem Licht, aus leuchtenden Farbflächen und Farbverläufen gemacht und repräsentieren den „abstrakten Tillmans“ in dieser Ausstellung. Nur will der Künstler selbst keine Trennlinie zwischen Gegenständlich und Abstrakt ziehen. Für ihn sind es zwei Enden ein und derselben Sache: „Die reine Form in der Fotografie hat mich schon immer interessiert.“

Als 20-Jähriger hat er in Hamburg begonnen, an einem Fotokopierer gefundene Fotos zu vergrößern. Die Störstreifen und die grobe Textur der fertigen Bilder faszinierten ihn. Seine Vorliebe für Muster aller Art hat Tillmans nie abgelegt. Im Flur der Galerie deutet der Künstler auf eine körnige Schwarz-weißkopie von 1987. Abgebildet ist ein Kriegsschiff . Gegenüber hängt der edle C-Print eines Wolkenhimmels, dessen grob strukturiertes Ursprungsbild ebenfalls aus der Tonertrommel kam. Sakral aufgeladen sind die Fotos, auf denen Tillmans dem Kopierer selbst huldigt. Zudem ist seine erste Bildermaschine Protagonist seines zehnminütigen Videos, das Daniel Buchholz ab kommender Woche in der ABC-Ausstellung auf dem Berliner Messegelände präsentiert. Das Video zeigt, wie der Kopierer kopiert. Schwindet die Aura im Zeitalter der Reproduzierbarkeit? „Das glaube ich ganz und gar nicht“, sagt Wolfgang Tillmans. Mit einem wie ihm hat Walter Benjamin wohl auch nicht gerechnet.

Galerie Daniel Buchholz, Fasanenstr. 30; bis 11.12., Di - Fr 11 - 18, Sa 11 - 16 Uhr.

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