Digitale Gesellschaft : Kunstprojekt verkündet das Ende der Privatsphäre

Das Kunstprojekt "Ich bin Keiner" in der Kastanienallee 64 in Mitte setzt sich mit der aktuellen Debatte um Datenschutz und die Folgen der digitalen Gesellschaft auseinander.

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Im Netz. Ernest Hausmann, Johannes Brandrup, Ingolf Keiner und Michael Seemann (v. l.) bespielen 300 Tage lang das Abrisshaus in der Kastanienallee 64.
Im Netz. Ernest Hausmann, Johannes Brandrup, Ingolf Keiner und Michael Seemann (v. l.) bespielen 300 Tage lang das Abrisshaus in...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Laufend klingelt das Telefon. Es hängt einfach da, im Hausflur eines ganz normalen Altbaus in der Kastanienallee 64. Ein grünes Ding mit Wählscheibe. Der schrille Ton zwingt jeden Besucher irgendwann ranzugehen. Keiner ist am Apparat. Nicht niemand, Keiner. Ingolf Keiner, Installations- und Performancekünstler. Er verkündet das Ende der Privatsphäre. Öffentlich ist das neue Privat, sagt er.

„Public Is The New Private“ nennen vier Künstler ihr Projekt, von dem sie in den kommenden drei Wochen in dem Abrisshaus in Mitte ein erstes Teilergebnis präsentieren. Es ist eine Mischung aus Theaterstück, Kunstinstallation und Netztheorie. Eine performative Führung, eingebettet in den aktuellen Diskurs über Datenschutz und die Folgen einer vernetzten Gesellschaft. Gespielt von den Schauspielern Johannes Brandrup und Ernest Hausmann, theoretisch untermauert von dem Blogger Michael Seemann und gestaltet von Ingolf Keiner, der mit seinem programmatischen Nachnamen selbst im Zentrum des Stückes steht.

„Wir stehen an einer heftigen Umbruchphase“, sagt Michael Seemann im Gespräch. „Eine bestimmte Vorstellung von Privatheit wird dauernd zur Diskussion gestellt.“ An dem Diskurs darüber, ob das Individuum immer mehr Teil eines größeren Schwarms wird, und ob das nun Chance oder Risiko bedeutet, beteiligt Seemann sich seit langem in seinem Blog www.ctrl-verlust.net. Erstmals ist er nun an einem Projekt beteiligt, das sich diesen Fragen künstlerisch nähert. „Auf einmal bin ich so eine Art Theaterautor“, sagt er.

Zu verdanken hat er das Johannes Brandrup, dem Leiter des Logentheaters. 300 Tage haben die vier Zeit für ihr experimentelles Programm, bis auf dem Grundstück an der Kastanienallee 64 mit dem Bau von Luxuswohnungen begonnen wird. Während die Mieter nach und nach ausziehen, dürfen sie mit den leer werdenden Wohnungen anstellen, was sie wollen. „Ich bin Keiner“ ist erst der Anfang, nur der erste Teil von „Public Is The New Private“.

Die Kunstfigur Keiner steht im Zentrum des Rundgangs durch drei Wohnungen des Hauses. Nachdem er sein Leben lang gegen die Negation in seinem Nachnamen angekämpft hat, benutzt Ingolf Keiner sie nun offensiv, um zu sagen: „Keiner ist jeder, jeder ist ein Künstler!“ Keiner mimt eine gespaltene Identität, er muss immer neue Daseinszustände erschaffen, die er durch die verschiedene Gestaltung der Räume darstellt. Durch sie führt Johannes Brandrup, der einen vom Staat beauftragten Datenschützer spielt und folglich das bestehende System repräsentiert, das gegen die Auflösung des Begriffs des bürgerlichen Individuums ankämpft. „Die Privatsphäre ist ein wichtiges Element des Menschseins“, echauffiert sich der Datenschützer, bevor er die Besucher in die erste Wohnung lässt. „Die Entfaltung der Persönlichkeit kann ohne Privatsphäre nicht stattfinden. Ohne Identität wäre die Hölle los. Man kann doch nicht einfach Keiner sein!“

Keiner taucht immer wieder auf. In einem von Spinnennetzen überzogenen Flur schneidet er sich die Fußnägel, oder steht plötzlich in einem mit Neonfarbe bespritzten Blaumann im Bad. Die Tour dauert nicht länger als zehn Minuten. Dann werden die Besucher mit den Räumen allein gelassen. Der Künstler spielt mit der maximalen Brechung, stellt ein schwarzes Gehirn ins düstere Badezimmer oder baut die Küche komplett zu. Er verkehrt das Funktionale und Alltägliche ins Gegenteil, zugleich versucht er, unterbewusste Zustände in der Realität nachzubauen. Der Spinnennetz-Flur etwa greift die Utopie einer vernetzten Gesellschaft auf: Jeder Punkt ein Individuum, jede Linie ein Kontakt. Aus der Vernetzung ergeben sich neue Individualitäten, manche bilden Knäuel, manche haben nur dünne Verbindungslinien. „Die Netzstruktur kann man übertragen auf soziale Strukturen“, sagt Ingolf Keiner. Zugleich hat er Reste der alten Tapete an den Wänden gelassen. Sie werden vom Netz zusammengehalten: Man kann auch alte Strukturen und bestehende Werte in neue Zusammenhänge bringen.

Die kommenden drei Wochen sind ein Testlauf. Möglich, dass „Ich bin Keiner“ bis Februar läuft, wenn das komplette Haus öffentlich wird. „Wir arbeiten weiter am Keiner-Mythos“, sagt Brandrup. „Worin das mündet, ist nicht absehbar.“

Public Is The New Private, Kastanienallee 64, jeweils Freitag und Samstag, Führungen um 19, 20 und 21 Uhr, Eintritt frei. www.publicisthenewprivate.com

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