Diktatoren - im Fußball und anderswo : Alle für einen

Der Fifa-König geht, andere mächtige Männer setzen sich weiter in Szene. Woher kommt auch in der modernen Welt die Faszination selbst ernannter Autoritäten? Über den Körper des Königs und die Bereitschaft, der Macht zu huldigen.

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Recep Tayyip Erdogan in seinem 2014 eröffneten Präsidentenpalast. Er hat 1150 Zimmer.
Recep Tayyip Erdogan in seinem 2014 eröffneten Präsidentenpalast. Er hat 1150 Zimmer.Foto: AFP

Am Ende war ein Wort. Dann noch eins, dann noch eins. Und dann hatte das Publikum begriffen, dass es nun bald ohne den mächtigen Paten der Fifa-Mafia leben wird. In schweizerisch gefärbtem Französisch erklärte Joseph „Sepp“ Blatter der Öffentlichkeit, dass er vom Thron steigt. Er habe „intensiv“ über seine Präsidentschaft nachgedacht, die 40 Jahre, in denen sein Leben untrennbar mit „dem großartigen Sport Fußball verbunden gewesen ist“. Jetzt lege er sein Mandat nieder.

Die Buhrufe und Pfeifkonzerte waren zu laut geworden, draußen, vor dem Fifa-Palast. Drinnen hielt man dem fast 80-Jährigen noch offiziell die Treue. Dann war er weg. Ein Erdbeben in der Sportgeschichte, das FBI will noch nichts sagen, die Börse in Katar wackelt, die Furcht geht um. Was tun, was nun, ohne ihn? Blatters Fußball-Burg hatte oft wegen Skandalen gewackelt, aber irgendwie schienen gerade diese Sensationen Elixier seiner Macht. Kennzeichnend für Mächtige vom Typus Blatter ist die Mischung aus Nonchalance und Kaltschnäuzigkeit, mit der sie zu sagen scheinen: „Right or wrong, mein Reich!“ Das fasziniert, das hypnotisiert die Höflinge und das Volk.

Das Fußballspiel gilt als ein Paradebeispiel für Inklusion und Chancengleichheit – jeder kann es lernen, jeder kann mitmachen, für alle gelten dieselben Regeln, gleich welcher Hautfarbe, Herkunft oder Staatsangehörigkeit. Talent allein entscheidet. Auch wenn einst gebrüllsungen wurde „Es gibt nur einen Rudi Völler …“, das Team bleibt wichtiger als der Einzelne. Es zählt der Charakter der Gruppe, der solidarische Zusammenhalt. Tor oder nicht Tor, das ist die entscheidende Frage, für alle. Die Massen lieben das über die Maßen.

Wer lange oben hockt, den kriegt man nicht mehr weg. In den unteren Etagen profitieren zuviele

Was läge näher, als eine globale Genossenschaft für den Fußball zu gründen, eine Aktiengesellschaft sämtlicher Fans. Jeder Aficionado erwirbt maximal drei Anteile, und schon wären Millionen Weltbürger im Besitz ihres eigenen Fußballsystems. Aber nein, ein mächtiger Mann muss es richten, von hoch oben aus den Bergen der Schweiz verteilt er Privilegien, Pfründen, Gelder, Posten. So war es, so sollte es bleiben.

Inzwischen ist viel gesagt worden über den prädemokratischen Charakter des großen Systems Weltfußballverband. Wenn ein charismatischer Machtmensch, raunten selbst Kritiker, so lange so weit oben hockt, kriegt man den nicht mehr weg. In den unteren Etagen profitieren zu viele, die ihn deshalb stützen. Staatschefs, Pokalgewinner, Reiche und Schöne standen an seiner Seite und festigten sein öffentliches Bild.

Ähnlich gehen andere Inhaber von Macht vor, wenn sie Amt und Person amalgamieren: Nur ich bin der Wahre, der Richtige, der Superman, der geniale Mafiaboss! Oligarchen und postmoderne Diktatoren in Osteuropa führen vor, wie sich Schickeria und der Nimbus der Macht verschmelzen lassen, sie leben verschwenderisch, beuten die Mehrheit der Bevölkerung aus und bedienen eine loyale, in Angst lebende Entourage mit Privilegien. Trotzdem – sie halten sich über Jahrzehnte. Gerade solcher heimlich bewunderter Skrupellosigkeit verdanken Männer wie Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan ihre Unangefochtenheit, ebenso weniger bekannte Staatslenker, etwa der 2006 verstorbene turkmenische Herrscher Saparmurat Nyýazow, der sich „Diamantenkranz des Volkes“ nennen ließ.

Die zwei Körper des Königs - es gibt sie auch heute noch

Wie entsteht und wie wirkt die Aura solcher Machtmenschen? Der Historiker Ernst Kantorowicz beleuchtet in seiner Studie „Die zwei Körper des Königs“ zur politischen Theologie des Mittelalters, wie der dynastische Körper des Königs in der Vorstellung der Bevölkerung doppelt existiert: als übernatürlicher, unsterblicher Träger von Amt und Würden („Der König ist tot – es lebe der König!“) und als natürlicher, sterblicher Körper. Unvergänglich, sterblich bleibt die Autorität, die die Hierarchie als solche für sich einfordert.

Im aufgeklärten, demokratischen Staat wird unterschieden zwischen der öffentlichen Funktion und der sie ausübenden Person. Wenn Großbritanniens Queen wie vor ein paar Tagen in feinem Oxfordenglisch die Regierungserklärung ihres demokratisch gewählten Premiers verliest, erinnert diese Doppelung noch an den alten Körper des Königs. Degradiert zum eingefrorenen Ritual, sorgt der Prozess zugleich für das Eindämmen des Mythischen, er findet statt innerhalb des Containments der Demokratie. Die Queen darf ihr eingehegtes Charisma behalten, die Regierung aber wird vom Souverän bestimmt, der Wählerschaft.

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