Kultur : Diktatorendämmerung

Gastspiel in Berlin: Der Regisseur Fadhel Jaibi hat die arabische Revolution vorweggenommen

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Das Volk sind wir. „Yahia Yaich – Amnesia“ von Jalila Baccar und Fadhel Jaibi bei der „spielzeit europa“. Foto: Mohamed Frini
Das Volk sind wir. „Yahia Yaich – Amnesia“ von Jalila Baccar und Fadhel Jaibi bei der „spielzeit europa“. Foto: Mohamed Frini

Nein, ein Prophet sei er nicht, sagt der tunesische Regisseur Fadhel Jaibi. Doch der Mann mit den grau melierten Haaren und dem gestutzten Bart schaut nicht nur beim Gespräch im Berliner Hotel wach und neugierig durch seine große Brille. Sein scharfer Blick seziert seit vielen Jahren die Mechanismen von Unterdrückung, die Konfrontation des Einzelnen mit tyrannischer Herrschaft und bringt sie in kraftvollen, körperbetonten Bildern auf die Bühne.

Doch was er im April 2010 im Theater „Mondial“ in Tunis noch verpackt als Albtraum eines Diktators inszenierte, wurde knapp neun Monate später Realität: Der Sturz des tunesischen Präsidenten Ben Ali und seiner raffgierigen Sippe am 14. Januar 2011 – der Auftakt zum Arabischen Frühling, in dem sich bisher drei arabische Länder von ihren allmächtigen Herrschern befreiten. In seinem Stück „Yahia Yahich – Amnesia“ hat der 56-Jährige den Sturz des Diktators vorweggenommen – verpackt in einen Traum, aus dem der fiktive Diktator damals noch wieder erwachte. Gestürzt durch eine Palastrevolte, kann der Despot nicht ausreisen, weil er keinen Reisepass besitzt.

So wird er festgesetzt, landet schließlich in der Psychiatrie und wird mit all jenen konfrontiert, die er unterdrückt, zur Lüge und einem falschen Leben gezwungen hat. Eine Ärztin macht ihn dafür verantwortlich, dass sie seit vier Jahren schwanger ist, weil ihr Kind nicht auf diese Welt kommen will, in der das „Land verkarstet und die Würde der Menschen mit Füßen getreten wird“. Eine Journalistin, gespielt von Jaibis Ehefrau Jalila Baccar, bezeichnet sich als „schizophren“ und beklagt, dass sie immer zwei verschiedene Artikel von einem Ereignis schreiben musste: „Einen für mich und einen für dich.“

„Das war nicht prophetisch, sondern absehbar“, meint Jaibi über sein Stück, mit dem seine Theatertruppe derzeit auf Europa-Tournee ist und am heutigen Donnerstag ein einmaliges Gastspiel in Berlin gibt. Oder eher wie in der griechischen Tragödie, die Jaibi immer wieder inspiriert, auch wenn er bisher nur „Medea“ inszeniert hat, im Schauspielhaus Bochum: „unabwendbar“. Allerdings räumt Fadhel Jaibi einen großen Irrtum ein: Die Jugend kommt in seinem Theaterstück nicht vor. „In Wirklichkeit hat das Volk die Armee gezwungen, zu reagieren, indem sie Ben Ali die Ausreise ermöglicht“, ist seine Lesart der Ereignisse in Tunesien. „Die Jugend hat uns wirklich überrascht.“ Überrascht waren auch die Zuschauer, die im April 2010 das politisch brisante, damals subversive Stück im Theater „Mondial“ in Tunis sahen. „Viele schauten sich danach unsicher im Theaterraum um und fragten sich, ob sie gleich festgenommen würden“, erinnert sich Jaibi. Fast wäre die Aufführung an der Zensur gescheitert, doch das Renommee von Jaibis Truppe im Ausland ließ das Regime einlenken, um seinen Ruf nicht zu beschädigen. Noch surrealistischer waren die Aufführungen im Februar 2011 zwei Wochen nach dem Sturz Ben Alis, als noch demonstriert wurde und die Lage unklar war.

„Wir spielten drinnen die Palastrevolte, bei der Schüsse fallen – dabei waren von draußen echte Schüsse zu hören, der Geruch von Tränengas zog ins Theater. Einmal flüchteten sogar Demonstranten zu uns in den Saal“, erinnert sich Jaibi. Verändert hat er an dem Stück nichts, seit es von den Ereignissen übertroffen wurde. Nur eine augenzwinkernde Anspielung konnte sich der tunesische Künstler nicht verkneifen: „Eine Putzfrau schleudert dem abgehalfterten Diktator jetzt ein ,Dégage’ (Hau’ ab) entgegen“ – den Slogan der tunesischen Revolution, den auch die Demonstranten in nicht frankophonen arabischen Ländern übernommen haben.

Ein Prophet will er nicht sein, aber der unbeirrbar wirkende Fadhel Jaibi kann ein mitreißender Redner sein, wenn es um Kunst und Kultur geht. Das hat er beim Festakt zum 60-jährigen Bestehen des Goethe-Instituts im Juli im Kulturforum in Berlin bewiesen. In seiner engagierten Rede forderte er den Westen auf, jetzt massiv die Kulturarbeit in Tunesien zu unterstützen, weil sie entscheidend für den weiteren Verlauf der „Revolution“ sein wird. Statt Stellen abzubauen, solle das Goethe-Institut seine Mittel in den Umbruchländern massiv aufstocken, rief er dem anwesenden Außenminister Guido Westerwelle und den Kulturschaffenden ins Gewissen. Für seinen flammenden Appell bekam er endlosen Applaus – und die Einladung vom Intendanten der Berliner Festspiele, Joachim Satorius, für das Gastspiel in Berlin.

Sein nächstes Stück ist der Jugend gewidmet, die auf die Straße gegangen ist und die Alten so verblüfft hat. Geplante Uraufführung: 14. Januar 2012, der erste Jahrestag des Sturzes von Ben Ali. „Zwischendurch gab es eine Funkstille, weil die Jugend dachte, sie bräuchte die Älteren nicht mehr, die politisch oder kulturell dafür gekämpft haben, dass die Einzelnen ihre Würde nicht verlieren und sich dem Regime nicht beugen“, hat Jaibi festgestellt. Aber mittlerweile sei auch der Jugend klar, dass ihre Revolution nicht vom Himmel gefallen ist. „In unseren Anfängen haben wir Theater für Gleichaltrige gemacht, die später ihre Kinder mitbrachten“, erinnert sich Jaibi. Irgendwann seien die Eltern dann weggeblieben, und 70 Prozent der Besucher waren junge Leute. „Wir betrachten die jungen Revolutionäre als unsere Kinder.“

Yahia Yaich-Amnesia wird heute Abend (1. September) um 20 Uhr im Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, in französischer und arabischer Sprache mit deutschen Übertiteln aufgeführt. Um 22 Uhr folgt eine Diskussion mit dem Regisseur, der Expertin für Nordafrika der Stiftung Wissenschaft und Politik, Isabelle Werenfels, und Joachim Hoerster von der Parlamentariergruppe für Arabische Länder. Es moderiert Joachim Satorius.

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