Kultur : Diktatur der Premiere

Ach, was war das für ein Aufschrei, ein Heulen und Zetern vergangenes Jahr in Bayreuth, als Regisseur Sebastian Baumgarten den „Tannhäuser“ in eine Biogasanlage verfrachtete. Auf der Bühne: Kessel und Schläuche, der sogenannte „Alkoholator“, darin eine kochende, dampfende Brühe, amorph und undefinierbar – wie die ganze Inszenierung. Wo blieb, so die Kritik, die von Wagner geschaffene, ewig suchende Künstlerseele des Tannhäuser, die Spannung zwischen ekstatischem Liebesrausch und keuscher Askese, die ihn schließlich zerreißt? Die Premiere versank in einem Meer von wild wogenden Buhrufen.

Am 28. Juli wird die Inszenierung wiederaufgenommen. Spannend, dass als Dirigent ausgerechnet Christian Thielemann dem abgesprungenen Thomas Hengelbrock nachfolgt –  ist Thielemann doch ein bekennender Gegner modernen Regietheaters. Baumgarten hat sich jetzt in einem Interview geäußert: Die Zeit sei damals zu knapp gewesen, mehr als eine grobe Struktur hätte er nicht ausarbeiten können, dieses Jahr wird weiter dran gefeilt – und alles besser? Wird die viel zietierte „Werkstatt Bayreuth“ alles richten? In Baumgartens Worten klingt ein Unbehagen an, das man im Gespräch mit Theaterleuten immer wieder hört: die Diktatur der Premiere, der Irrsinn, die Arbeit zu dem einen, alles entscheidenden Zeitpunkt fertig haben zu müssen – als würde nicht Theater, auch Musiktheater, von lebendigen Menschen gemacht und sich wie diese ständig verändern und neu zusammensetzen. Vielleicht war Baumgarten ja schon vergangenes Jahr visionär. Denn was passiert eigentlich in seiner Biogasanlage? Natürlich der Gärungsprozess der Kunst.

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