Dilettantismus : Grillt den Profi!

Wozu braucht man Talent, Kenntnisse und Fertigkeiten? Die "Neue Rundschau" beschäftigt sich mit den Spannungen zwischen Dilettantismus und Expertentum.

"Wer will, dass ich am Steuer sitze"? Cartoon von Will McPhail aus der Neujahrsausgabe des "New Yorker" 2017.
"Wer will, dass ich am Steuer sitze"? Cartoon von Will McPhail aus der Neujahrsausgabe des "New Yorker" 2017.Foto: Will McPhail/www.willmcphail.com(The New Yorker

In den USA wurde Will McPhails Cartoon schon vor dem Abdruck im „New Yorker“ zehntausendfach geteilt. Man sah ihn ihm einen treffenden Seitenhieb auf das Maulheldentum, mit dem Donald Trump auf seine Amtseinführung als Präsident zusteuerte. Die Zeichnung zeigt einen Schnauzbart, der sich in einem Flugzeug den Mitreisenden zuwendet und fragt: „Diese selbstgefälligen Piloten haben den Bezug zu normalen Passagieren wie uns verloren. Wer findet, ich sollte das Flugzeug steuern?“ Ein Dutzend Arme reckt sich ihm zustimmend entgegen. Für Till Krause ist dies der Inbegriff einer Wir-gegen-die-Rhetorik, die seit Jahrzehnten ihr Unwesen treibt.

Sie umfasst „Punks aus den 1980er Jahren, Musikblogger der Gegenwart, Biologen in Underground-Forschungslaboren, rechte Verschwörungstheoretiker aus dem Umfeld von Pegida als auch Politiker so diverser Parteien wie der mittlerweile in Deutschland abgewählten Piraten oder eben Donald Trump“. Das rhetorische Bindeglied zwischen diesen Milieus ist die Ablehnung eines als korrupt empfundenen Mainstreams, gegen dessen Sachverstand es zu rebellieren gilt – und das im Zweifel ohne jeden eigenen Sachverstand. „Ihr könnt nichts, weil ihr etwas könnt. (Und außerdem seid ihr an allem schuld.)“, fasst Krause das Denkmotiv zusammen, mit dem er auch seinen Aufsatz in der „Neuen Rundschau“ (2017/3, 15 €) überschrieben hat.

Auf seiner Suche nach einem „Dilettantismus als Form gesellschaftlicher Distanzierung in social media und ihren Vorläufern“ wird Krause an einem unschuldigen Ort fündig: den Fanzines der 80er und 90er Jahre, die sowohl an der Vormachtstellung des etablierten Musikjournalismus rütteln wollten, als auch dessen professionelles Selbstverständnis infrage stellten. Im Blick auf das Schlagwort „Lügenpresse“ bemerkt er die Ironie, „dass die Vorläufer dieser heute oft in eher rechtskonservativen Kreisen populären Annahmen einen Ursprung in der traditionell linken Subkultur haben“. Wolfgang Müller, ein Kopf des Berliner Kollektivs „Die Tödliche Doris“, brachte den damit verbundenen Anspruch auf Kreativität in dem 1982 erschienenen Manifest „Geniale Dilletanten“ mit bewusster Fehlschreibung auf den theoretischen Punkt. Sind also die Linken mitschuldig daran, dass professionelle Ausbildung und Erfahrung in Verruf geraten sind?

Wissenschaft mit Standesbewusstsein

Die acht Beiträge, die der Gießener Germanist Uwe Wirth auf 130 von insgesamt 260 Seiten als Gastherausgeber zum Thema „Dilettantismus als Strategie“ zusammengetragen hat, sind ideengeschichtlich viel zu differenziert, als dass sie nicht zeigen würden, wie falsch verstandenes Spezialistentum und falsch verstandene Demokratisierung einander in die Hände spielen. Sie sprechen von der interessegeleiteten Verlogenheit mancher Experten, die zwischen Finanzkrise und Dieselskandal jedes Misstrauen verdient haben. Und sie verschweigen nicht, dass Professionalisierung auch eine umgekehrte Form sozialer Distanzierung erzeugen kann: Erika Thomalla weist in einem Beitrag zur Germanistik um 1900 sehr schön nach, wie eine allzu standesbewusste Kathederwissenschaft freiere, polemischere und essayistischere Zugänge, wie sie Wilhelm Scherer und der George-Jünger Friedrich Gundolf vertraten, konsequent auf Abstand halten wollte.

Wenn es bei alledem vornehmlich um Ästhetiken geht, so lässt sich deren Problematik doch auch auf Politisches anwenden. Ausgehend von Goethes und Schillers Fragmenten „Über den Dilettantismus“ (1799) untersucht Uwe Wirth die Trias von Begabung, Kenntnissen und Fertigkeiten in ihrer historischen Wirksamkeit wie den Folgen. Der Künstler Martin Kippenberger ist für ihn jemand, der eine „Sollbruchstelle der Moderne“ markiert: Die provokatorische Geste zielt nicht auf ein neues Werk, sondern gerade auf desssen inszenierte Verweigerung.

Als der anarchistische Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend in den 70er Jahren einen Aufstand gegen die Expertenpriester aller Disziplinen anzettelte und damit auch jedem laienhaften Unsinn Tür und Tor öffnete, dachte wohl noch niemand daran, dass er ein zentrales Spannungsfeld unserer Zeit berührte. In dieser Nummer der „Neuen Rundschau“ wird es klug ausgemessen.

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