Kultur : Dilettantismus kann man lernen

Die Erben von Dada und John Zorn: Die Berliner Jazzband Baby Bonk zelebriert den musikalischen Nonsens

Johannes Völz

Allein schon diese Fotos: Einer der Männer hat sich in einen Nylonbody gezwängt, um seinen Hals hängen Boxhandschuhe. Ein anderer trägt einen knallroten Anzug, dazu ein blaues Plüschhemd und einen Cowboyhut. Ein dritter kombiniert ein schwarz-weißes Sakko mit giftgrünem Hemd. Und einer trägt einen Melonen-Hut, kauernd auf einem Gehstock. Sie müssen die Requisiten eines Karnevalvereins geplündert haben. Dabei handelt es sich doch um Jazzmusiker. Genauer: um die Mitglieder des Berliner Quartetts Baby Bonk. Entweder sind sie nicht ganz bei Trost. Oder sie geben sich jede Mühe, so zu wirken.

Beim Auftritt ein ähnliches Bild: Siebzigerjahre-Anzüge, weiße Hemden mit roten Punkten. Das Konzert findet heimlich statt, bei einer Party in Mitte, in der Werkstatt einiger Möbeldesigner. In den Wochen vor dem Jazzfest darf Baby Bonk in Berlin eigentlich nicht auftreten. Immerhin wurde die Band auserwählt, die Berliner Szene auf der Festivalbühne zu repräsentieren. So stehen sie am hinteren Ende des lang gestreckten Industrie-Lofts, halb verdeckt von Wandsägen und Werkbänken. Gegenüber, an der Bar, schenkt ein Mann in Blondinenperücke und Schürze „russisches Kokain“ aus, Wodka mit Zitrone, Zucker und Kaffeepulver.

Rund 50 Gäste sind gekommen, die meisten haben ihre wilde Partyphase offensichtlich hinter sich. Was die Band da hinten macht, beobachten sie erst einmal aus der Distanz. Es ist kein Jazz, keine Avantgarde, kein Pop. Und doch von allem etwas. Baby Bonk verzichtet weitgehend auf lange Soli und Klangexperimente. Trompeter Martin Klingeberg hat ein Tenorhorn dabei, das fast wie eine Tuba klingt, irgendwie nach New-Orleans-Jazz. Doch plötzlich beginnt er zu singen, einen richtig radiotauglichen Song, wenn auch der Text reiner Nonsens ist. Sein Posaunist sei gestorben, sein Bassist habe geheiratet und die Band verlassen. Nur einem gefalle diese Musik noch: seinem Hund. Dann setzen die anderen drei mit ein, singen mehrstimmig „Lalala“, minutenlang.

Der Hund im Song heißt „Bonk“, wie überhaupt fast jeder Song von „Bonk“ handelt. „Bonk da Monk“, „Don’t Delay, Bonk Today“, „Bonkstomp“, „Underwater Bonk“ und „Definition of Bonk“, lauten die Titel. Was „Bonk“ eigentlich bedeutet, bleibt natürlich unklar. Auf der vor kurzem erschienenen CD „Baby Bonk sagt die Wahrheit“ (Konnex) liefert eine eingespielte Stimme, die wie ein amerikanischer Wissenschaftler aus den Fünfzigern klingt, einen Bericht seiner Forschungsergebnisse: „Bonk“ sei ein onomatopoetisches Wort, dessen Bedeutung im Klang selbst liege. Plötzlich hebt die seriöse Stimme zu einem närrischen Singsang an: „Das K in Bonk steht für Klonk!“

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wirkt Baby Bonk wie eine Hommage an die Dada-Künstler vor rund 90 Jahren, die sich so sehr in die Ketten der Kunst verbissen hatten, dass ihre Komik bisweilen am eigenen Ernst zu ersticken drohte. Nur: Warum sollte man heute einen neuen Befreiungskampf mit den Waffen des Unsinns austragen? Wovon könnte man sich denn befreien, wenn die postmoderne Öffnung fürs Beliebige selbst im Jazz Jahre zurückliegt? Bereits Ende der achtziger Jahre spielte John Zorns Band „Naked City“ das musikalische Zapping bis zur Erschöpfung durch.

Das Party-Publikum scheint ähnliche Zweifel zu hegen. Martin Klingeberg versucht die Zuhörer mit Sarkasmus an die Bühne zu locken: „Kommt uns bloß nicht zu nahe!“ Erst nach einer halben Stunde sieht man im Lächeln auf den Gesichtern, dass Baby Bonk etwas anzubieten hat, das weder mit Befreiungsutopien noch mit Authentizitätskritik zu tun hat. Wenn die Band unvermittelt von Country zu Reggae springt, dazwischen aber noch vier Takte lang einen Abstecher in den Swing macht, steht der Stilbruch im Dienste des kurzen Augenblicks der Überraschung.

„Wir wollen Spaß haben beim Spielen, aber wir sind keine Spaßband“, sagt Klingeberg nach dem Konzert. Er sähe in der künstlerischen Haltung keinen Unterschied zu seinen anderen Jazzgruppen, behauptet Schlagzeuger Michael Griener, der gemeinsam mit Bonk-Bassist Jan Roder auch in der Band des neuen Deutschen Jazzpreisträgers Ulrich Gumpert zu hören ist (Verleihung am Samstag um 18 Uhr im Quasimodo) . Wie das Quartett so im Hinterzimmer der Werkstatt sitzt und die Kuchenreste aufisst, ist von Exzentrik nicht viel zu spüren. Der finnische Gitarrist Kalle Kalima sieht in der Stilcollage sogar sein wahres Ich aufblitzen. „Wenn man wie wir Jazz studiert hat, wird man doch zum abgebrühten Profi. Man verliert den Enthusiasmus des Anfängers. Rock, Surf oder Reggae – das können wir ja gar nicht richtig spielen. Bei Baby Bonk werden wir wieder zu Anfängern.“ Jan Roder sucht ein paar Sekunden nach den passenden Worten: „Es ist schon so, dass es nicht anders geht.“

Moment, wie war das doch gleich mit Dada? „Eine echte Inspiration“, gibt Michael Griener zu. Und zitiert Kurt Schwitters: „Die Kuh ist vorn zu / und hinten dicht am Lauf / da ist sie auf.“ Im Grunde sei doch Dada nichts anderes gewesen als Jazz, fügt Klingeberg hinzu: „Beides sind sehr lebendige Reaktionen auf die Welt“. Übrigens: „Bonk“, so ist im Booklet zu lesen, bezeichnet im Englischen auch den Geschlechtsakt. Als Synonym wird unter anderen genannt: „Jazz“.

Baby Bonk spielen am Samstag beim Jazzfest im Quasimodo, 22 Uhr 30.

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