Kultur : Direktverbindungen: Luftnummer (Kommentar)

Clemens Wergin

Ulan-Bator ist auch eine schöne Stadt. Muss ja nicht immer New York oder Los Angeles sein. Zudem hat die mongolische Hauptstadt einen entscheidenden Vorzug: Man kann sie von Berlin aus mit einem Direktflug erreichen. Eine alte Anhänglichkeitaus DDR-Zeiten, die den Mauerfall überstanden hat. Trotz aller Verbundenheit mit dem großen Bruder in Amerika waren den Westberlinern Direktverbindungen in die USA weniger wichtig. Wirtschaft gab es ohnehin nicht mehr so viel in der Stadt. Und die Kennedys, Reagans oder Clintons können sich ja allemal ein eigenes Flugzeug leisten. Für alle anderen gilt bis heute: Wer nach Tokio oder Washington will, muss umsteigen. In Frankfurt oder London raus aus dem Flugzeug, rein in die nächste Kiste. Dazwischen noch ein paar Brötchen in der Flughafen-Lounge gebunkert. Man weiß ja nie genau, wie lange es diesmal wieder auf dem Rollfeld dauert.

All das sind Beziehungstests für Besucher und potenzielle Investoren. Wahre Liebe muss das schon aushalten, denkt der Berliner und schert sich einen feuchten Kehricht um Direktverbindungen. Wer jedes Mal, wenn er mit dem Auto in die Ferien fuhr, über die Transitstrecke brettern musste, dem entlockt einmal Umsteigen in London-Heathrow nur ein mattes Lächeln. Und so wird aus dem Airport Berlin-Schönefeld vor lauter hauptstädtischer Gelassenheit wohl nie ein Großflughafen.

Jetzt zeigt sich, dass die fehlenden Flüge zumindest für die defizitäre Kulturszene der Stadt längst zum Handicap geworden sind. So verkündet der milliardenschwere Investmentmagnat Alberto Vilar - der schon als rettender Mäzen für Berlin und Bayreuth gehandelt wurde - in der "Welt": "Die Stadt liegt nicht auf meinen Flugrouten." Da haben wirs. Jetzt wird die Rechnung präsentiert. Berlin liegt nicht auf den Flugrouten der Reichen dieser Welt. Aber Vilar setzt noch einen drauf: "Ich setze mich nicht einfach ins Flugzeug und wedele mit dem Scheckbuch." Selbst wenn: Wer sich in New York einfach mal so ins Flugzeug setzt, kommt überall hin, nur nicht nach Berlin. Aber wenn Herr Vilar in zehn Jahren noch ein paar Schecks übrig hat, kann er ja noch einmal wedeln kommen. Dann kommt man von Berlin-Schönefeld vielleicht genauso gut nach New York wie nach Ulan-Bator.

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