Dirigent Duncan Ward in Orchesterakademie aufgenommen : Der Wunderjunge

Duncan Ward ist der erste Dirigent, den die Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker aufgenommen hat. Am Sonntag tritt der junge Brite mit seinen Musikerkollegen auf.

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Duncan Ward probt mit der Orchesterakademie.
Unter Freunden: Duncan Ward probt mit der Orchesterakademie.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Mit zwölf Jahren beschließt Duncan Ward, aus „Alice In Wonderland“ ein Musical zu machen. Und das tut er dann auch. Nach den Sommerferien wuchtet er seinem Musiklehrer an der Dartford Grammar School in der Grafschaft Kent die Partitur auf den Tisch. Der nickt anerkennend, erklärt aber, er habe leider keine Zeit, das Stück auf die Bühne zu bringen. Wenn Duncan es jedoch selber probieren wolle – bitte sehr, die Räume des schuleigenen Mick Jagger Centers stünden ihm zur Verfügung. Daraufhin stellt der Siebtklässler ein Orchester aus Mitschülern zusammen, verpflichtet den Schulchor und castet Lehrer für die Hauptrollen. Nur einen Dirigenten braucht er nicht. Den Taktstock schwingt er selber.

Wenn Duncan Ward 13 Jahre später diese Geschichte erzählt, klingt er überhaupt nicht eitel. Sondern einfach wie ein junger Mann, der keine Zweifel kennt. Seine entwaffnende Selbstsicherheit hat ihn schon weit gebracht: Auf Vorschlag von Simon Rattle wurde er als erster Dirigent überhaupt in die Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker aufgenommen. Herbert von Karajan hat das Förderprogramm einst gegründet, um die besten Absolventen der Musikhochschulen fit für die Arbeit im Orchester zu machen. „Weil die jungen Leute im Unterricht vor allem Sololiteratur studieren, müssen sie erst einmal lernen, im Orchester mitzuschwimmen“, erklärt Andreas Wittmann, der selber Akademist war, seit 1986 als Oboist zur Holzbläsergruppe gehört und seit einem guten Jahr die Akademie leitet. „Dabei entwickeln sie die nötigen Antennen, verstehen, dass es nichts nützt, die eigene Stimme technisch perfekt zu beherrschen, wenn man nicht auf seine Mitspieler achtet, aktiv hörend das Geschehen mitverfolgt, statt passiv abzuwarten, bis man dran ist.“

Zwei Jahre sind die Stipendiaten dabei, gemeinsam wird Kammermusik gemacht, jedem Akademisten steht ein erfahrener Philharmoniker zur Seite, der ihn unterrichtet und – noch wichtiger – während der Proben interpretatorische Tipps gibt, Praxis-Kniffe verrät.

Dass Duncan Ward aufgenommen wurde, hat er Barenboim zu verdanken

Ein Drittel der Philharmoniker stammt aus der eigenen Kaderschmiede, 30 Talente werden jeweils aufgenommen, wobei jedes Instrument doppelt vertreten ist, damit sich die Spieler austauschen, aber auch gegenseitig zu Höchstleistungen anspornen können. Für den Dirigenten sind eigentlich keine Stellen vorgesehen. Dass es für ihn zu einer Ausnahmeregelung kam, hat Duncan Ward Daniel Barenboim zu verdanken. Zumindest mittelbar.

Von einer Londoner Freundin hatte der Staatsopern-Chef gehört, dass es da diesen jungen Mann aus Kent gibt, der als Komponist, Dirigent und Pianist gleichermaßen begabt ist. Barenboim lädt ihn ein, bei seiner Einstudierung von Rossinis „Barbier von Sevilla“ zuzuhören, holt ihn dann nicht nur bei einer Probe ans Pult, sondern lässt sich auch mehrere von Duncan Wards Partituren geben.

Eine liegt aufgeschlagen auf dem Flügel in Barenboims Garderobe, als Simon Rattle als Gast in der Staatsoper dirigiert. Rattle fängt an zu blättern, wird neugierig, informiert sich über den Wunderknaben – und bietet ihm kurzfristig an, sein Assistent bei der Berliner Aufführung von Wagners „Walküre“ zu werden. Gleich am ersten Tag missfällt Duncan Ward eine Phrasierung der Geigen derart, dass er Rattle darauf anspricht. Der dann die Verbesserungsvorschläge auch tatsächlich übernimmt.

Der Ins-Kalte-Wasser-Springer

Schüchternheit gehört nicht gerade zu Duncan Wards hervorstechenden Charaktereigenschaften. Dafür ist er ein begeisterter Ins-Kalte-Wasser-Springer. Seine Augen strahlen, wenn er vom ersten Zusammentreffen mit Rattle erzählt. Überhaupt ist sein Gesicht immer, wenn er redet, von einem Leuchten erfüllt, das aus einer raren Veranlagung resultiert: der Fähigkeit, mit naiven Kinderaugen zu staunen, gepaart mit raschester Auffassungsgabe und enormer Intelligenz. Er ist einfach schneller als die meisten. Und er interessiert sich für alles.

Als seine große Schwester zu Weihnachten ein E-Piano geschenkt bekommt, setzt sich der kleine Duncan gleich dazu. Schon nach einem Jahr kann er in seiner Schule die Hymnen begleiten, mit zwölf spielt er in einer Jazzcombo, bald gründet er seine eigene Band „The Grasshoppers“, tritt als Stummfilmpianist auf. Er wird Mitglied im National Youth Orchestra, gewinnt 2005 die BBC „Young Composer of the Year Competition“ – und ist nebenbei auch noch ein Ass in Sport, holt als Rollkunstläufer drei Mal hintereinander Bronze-Medaillen auf europäischer Ebene.

Als er 17 ist, erzählt ihm seine Klavierlehrerin, dass in Indien dringend Lehrkräfte gebraucht werden. Einen Monat später steigt Duncan ins Flugzeug, unterrichtet einen Monat lang für Kost und Logis – und gründet nach seiner Rückkehr eine Stiftung, die den Kulturaustausch zwischen Großbritannien und der ehemaligen Kolonie fördern soll. Zum Dank lädt ihn 2010 der groß indische Musiker Ravi Shankar zum Privatunterricht ein.

„Meine Eltern haben mich nie zu etwas gedrängt“, sagt Duncan Ward. „Aber sie haben mich unterstützt und mir vertraut.“ Wenn ihr Sohn Verantwortung übernehmen will – umso besser. Gleich im ersten Uni-Jahr in Manchester bewirbt sich der Newcomer um den Chefposten beim Studentenorchester. „Als Dirigent“, erklärt er, „muss man immer in drei Zeitebenen denken: voraus, nämlich so, wie man sich seine Trauminterpretation wünscht. In der Realzeit, wenn man auf das achtet, was das Orchester gerade spielt. Und rückwärts, um sich klarzumachen, was anders lief als in der Trauminterpretation und wo man korrigieren muss.“

Bis 2017 ist Duncan Wards Terminkalender gut gefüllt

Mit 20 bewirbt sich Ward um Masterclasses: Als Erstes wird er von Valery Gergiev und dem London Symphony Orchestra angenommen, dann von Pierre Boulez und dem Lucerne Festival. Dort lernt er Martin Campell-White kennen, den Boss der mächtigen Künstleragentur Askonas Holt, der ihn „auf einen Kaffee“ in sein Londoner Büro einlädt. Doch statt dampfenden Tassen tauchen dort gleich 15 Leute auf, die ihn ausfragen. Am Ende sagt Campbell-White: „Ich bin davon überzeugt, dass du gar keinen Agenten brauchst. Aber falls du dich doch vertreten lassen willst: just give us a ring.“

So geht das Duncan Ward fast überall. Bis 2017 ist sein Terminkalender gut gefüllt, in Peking hat er im vergangenen Jahr die chinesische Erstaufführung von Benjamin Brittens Oper „Peter Grimes“ geleitet. Da war es hilfreich, Simon Rattle als Mentor zu haben. „Er hat zwar einen dicht gedrängten Terminkalender, aber auf diversen Autofahrten von der Philharmonie zu ihm nach Hause konnten wir die Partitur intensiv durchsprechen.“ Bei den Osterfestspielen der Philharmoniker hat Ward eine Fassung von Puccinis „Manon Lescaut“ für Kinder dirigiert, zum Abschluss seiner Berliner Lehrzeit bringt er an diesem Sonntag nun bei einer Orchesterakademie-Matinee „Aquae“ zur Uraufführung, ein Stück, für das Valerio Sannicaro den Abbado-Kompositionspreis gewonnen hat.

„Früher, beim Rollkunstlaufen, erklang zuerst Musik, und ich habe dann meinen Körper dazu bewegt“, sagt Duncan Ward und lässt seine Scheinwerferaugen leuchten. „Heute bewege ich meinen Körper, damit Musik erklingt. Ist das nicht großartig?!“

Sonntag, 11 Uhr, im Kammermusiksaal: Konzert der Orchesterakademie mit Werken von Beethoven und Sannicaro

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