Dirigent Jukka-Pekka Saraste : Wider die Juke-Box

Schönklang in der Krise? Eine Begegnung mit dem finnischen Dirigenten Jukka-Pekka Saraste

Peter Siebenmorgen

Vielleicht war ja alles nur ein Missverständnis, was hierzulande die Feuilletons aufregte. Von schwerer Krise war da die Rede – und diese ausgerechnet beim Feinsten, was die Kultur in der Hauptstadt zu bieten hat: bei den Berliner Philharmonikern. Sie hätten ihren spezifischen, unverwechselbaren Klang verloren, gleichviel, ob man diesen nun lieber philharmonisch, romantisch oder deutsch nennen mag. Dass diese Diskussion womöglich auf einem Missverständnis beruht, kann allerdings auch daran liegen, dass die im Klanggedächtnis zu einer untrennbaren Einheit verschmolzene Paarung des Vorzeigeorchesters mit seinem jahrzehntelangen Chefdirigenten Herbert von Karajan längst Vergangenheit ist. Will man dieses Klangideal auf einen Nenner bringen, genügt es, sich die wichtigsten Worte des Maestros in Erinnerung zu rufen. Klang etwas nicht so, wie er es haben wollte, rief er seinen Musikern gern zu: „besonders unschön“.

Diesen Schönklang à la Karajan gibt es tatsächlich nicht mehr. Aber dies kann nicht der Kern einer ernsten Krise sein. Gibt es die also wirklich? „Ja, wir stecken in einer tiefen Krise unseres Verständnisses romantischer Musik“, findet Jukka- Pekka Saraste, der Chefdirigent der Osloer Philharmoniker, „so vieles klingt heute nach Juke-Box“. Die wahre Schönheit der Musik sei nicht in einem vorgegebenen Klangideal, sondern nur in der Musik selbst zu finden. Neulich sei er mit seinem achtjährigen Sohn, einem Geigen- Eleven, spazieren gegangen. Plötzlich habe der Junge gesagt, er habe Angst davor, später einmal Musiker zu werden. Immer wenn er vor Publikum spiele, sagten die Zuhörer: „Wie toll er doch spielt!“ Worauf es in Wahrheit ankomme, sei doch: „Wie toll ist diese Musik!“ Dieses Credo liegt eindeutig in der Familie.

Jukka-Pekka Saraste gilt als Sibelius- Spezialist. Es dürfte derzeit schwerfallen, einen besseren Interpreten dieses immer noch weithin unbekannten Komponisten zu finden. An Jean Sibelius lässt sich die besagte Krise leicht verorten. Sibelius, der finnische Nationalkomponist. Und Finnland, das muss doch nordisch klingen! So wie Grieg. Oder Carl Nielsen. Aber muss es das wirklich?

Seine zweite Symphonie, die am Mittwoch von Saraste und den fabelhaften Osloern in der Berliner Philharmonie gegeben wird, hat Sibelius im Wesentlichen in Rapallo entworfen – so wie er überhaupt nur komponieren mochte, wenn er in jene Kulturräume reisen konnte, die ihm etwas galten. „Natürlich hat man aus der Ferne einen besonderen Blick auf die Heimat, auf Tradition und Geschichte. Diese Wurzeln aber stehen nicht allein, sondern in einem anderen Kontext.“ Genau das könne man bei Sibelius gut studieren. Mit der eigentlichen finnischen Musik, den eher traurigen, melancholischen karelischen Gesängen, habe Sibelius nicht so viel im Sinn gehabt. Viel stärker wirkten bei ihm die zeitgenössischen russischen Komponisten und seine Bewunderung für die deutsch-österreichische Romantik. Wenn es etwas spezifisch Finnisches bei Sibelius gibt, dann den Stolz auf eine Nation, die sich ihre Freiheit von Russland und Schweden abzutrotzen verstand.

Dies alles zu wissen, ist schön – aber wie die Musik zu klingen hat, das steht für Saraste ausschließlich in den Noten. Sie brauchen keine programmatischen Aufladungen, keine Extrapointen eines rhetorisch-pfiffigen Dirigenten. Hört man Sarastes Sibelius, staunt man, wie viel Spannung gerade aus der Kunst der Beiläufigkeit erwachsen kann. Es braucht auch keinen Wohllaut, der außerhalb der Partitur steht. „Wenn es gut sein soll, muss ich den Komponisten unbedingt ernst nehmen. Es ist sein Werk, nicht meines!“, meint Saraste. Und so passiert es dann, dass bei ihm vermeintlich nordische Musik in einer Wärme erklingt, für die das Wetter in Skandinavien kaum Inspiration gewesen sein kann.

Ein besonders heikler Punkt ist die Handhabung des Rubatos: die Verlangsamung von Stimmen innerhalb eines an sich gleichbleibenden Tempo, gewissermaßen die Zeitlupe in der Musik. Diese bietet zwei grundsätzliche Möglichkeiten. Man kann auf den Effekt zielen und etwas herauslösen, zur eingehenderen Betrachtung gewissermaßen. Doch die wahre Meisterschaft des Rubatos in der Musik (wie übrigens auch der Zeitlupe im Film) liegt nicht im Aufspießen des Besonderen, sondern in der Erzeugung von Spannung für das Ganze.

„Über solche Fragen müssen wir uns ernsthaft Gedanken machen“, davon ist Saraste überzeugt, „wollen wir die Krise des romantischen Werkverständnisses überwinden“. Wenn die Osloer Philharmoniker einen guten Abend haben, dann steckt darin vielleicht auch ein Hinweis, was an den Aufgeregtheiten des Sommers um den mutmaßlich verlorenen philharmonischen Klang der Berliner wirklich dran ist.

Jukka-Pekka Saraste und das Oslo Philharmonic Orchestra gastieren am 29.11. mit Werken von Alban Berg und Jean Sibelius in der Berliner Philharmonie.

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