Dirigent Mariss Jansons : „Ohne Kunst wird der Mensch zum Affen“

Auftakt beim Berliner Musikfest: der lettische Dirigent Mariss Jansons über Konzertsäle, das Reisen – und unsere Kinder.

Maestro, sind Sie froh, morgen Abend in der Berliner Philharmonie aufzutreten?

Natürlich, das bin ich immer! Der Scharoun-Bau gehört zu den ersten Adressen. Und was außer einer guten Akustik, einem exzellenten Saal können Sie einem Dirigenten bieten? Drücken Sie einem hervorragenden Geiger ein mittelmäßiges oder schlechtes Instrument in die Hand – er wird kreuzunglücklich sein.

Sind Sie in München unglücklich? Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hat traditionell keinen eigenen Saal: Der Herkulessaal eignet sich nicht für das ganz große symphonische Repertoire, der Gasteig gilt seit jeher als akustisch heikel – und gehört überdies Christian Thielemanns Philharmonikern.

Na ja, unglücklich … Sagen wir so: Ich kämpfe leidenschaftlich für eine Verbesserung. München ist eine Musikstadt, das Musikleben dort ist außerordentlich lebendig und intensiv, die Tradition riesig. Die Stadt hat eine große künstlerische Autorität. Die Situation der Säle allerdings empfinde ich als eine Blamage. Schauen Sie nach Japan, ins kleine Kawasaki, wo sie gerade einen neuen Saal gebaut haben, mit einer Spitzen-Akustik – natürlich geht die Musikwelt hier aus und ein, die Berliner, die Wiener, die Amsterdamer, alle. So einfach ist das. Und deshalb braucht München den Marstall. Mal ganz abgesehen davon, dass es schön wäre für uns, für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, endlich ein Zuhause zu haben, eine eigene Wohnung, in der man auch einmal etwas liegenlassen kann.

Neben Kawasaki: Welches sind die besten Konzertsäle der Welt?

Neue oder alte? Da muss man unterscheiden. Der Wiener Musikverein, die Boston Symphony Hall, die Carnegie Hall, Concertgebouw in Amsterdam, Leningrader Philharmonie, Berlin natürlich – das sind die führenden unter den alten oder älteren. Dann die neueren: Luzern, Tokios Suntory Hall, Sapporo, Los Angeles, Birmingham. Viele sind das nicht.

Aber es ist offenbar möglich, dass Akustiker und Architekten sich verstehen.

Vielleicht mache ich mich jetzt unbeliebt, aber der Akustiker muss das letzte Wort haben. Schicke, spektakuläre Gehäuse, die grässlich klingen, haben wir genug auf der Welt. Und für München wäre es natürlich eine Katastrophe, wenn sich das Gasteig-Dilemma wiederholen würde. Das wiederum kann kein Grund dafür sein, den Saal nicht zu bauen. Wir müssen positiv denken. Und ein gutes Konzept haben.

Wie konkret ist der Marstall?

Das Kabinett wird im September darüber entscheiden. Und ich rechne fest mit dem Prestige-Bewusstsein der Politiker. Die müssen von Musik nicht viel verstehen, aber sie müssen begreifen, dass wir sie hier bei ihrem Stolz packen. Der neue Saal ist eine Frage des Renommees. München könnte wie Wien sein in der internationalen Wahrnehmung – ein reiches Musikleben, ein tolles Publikum, ein fantastischer Saal. Darum geht es. Und darüber bin ich mir mit dem bayerischen Finanzminister …

… Kurt Faltlhauser von der CSU …

auch sehr einig. Er will diesen Saal – und er wird ihn bekommen. Daran habe ich keine Zweifel. Auch das ist sehr bayrisch: Wo auf der Welt finden Sie einen Finanzminister, der für Kultur Geld ausgeben möchte!? In Berlin, so weit ich informiert bin, nicht. Und auch sonst nirgendwo.

Hat München für Sie ein kreatives Klima? Sprühen zwischen Ihnen, dem Philharmoniker-Chef Christian Thielemann und Kent Nagano, dem Generalmusikdirektor der Staatsoper, die Funken?

Wir sind gute Kollegen. Es werden hier gerne Konflikte geschürt, die nicht existieren. Außerdem: Konkurrenz kann etwas sehr Gesundes sein. Natürlich muss der Gasteig sich etwas einfallen lassen, wenn wir eines Tages umziehen. Aber das ist doch kein Unglück! Schauen Sie nach London: Das Barbican-Center hat ganz andere Organisationsstrukturen als die Festival Hall. Oder die Cité de la Musique in Paris: Ein Musikzentrum, eine musikalische Landschaft besteht nicht nur aus einem Konzertsaal. Bibliotheken, Kinos, Kindergarten, Tonstudios, Experimentierbühne … Hier liegt die Zukunft.

Ist Ihnen ein eigenes Orchester eigentlich nicht genug? Neben dem Bayerischen Rundfunk leiten Sie seit 2004 auch noch das Concertgebouw Orchestra.

Ja, warum, das frage ich mich manchmal auch (lacht). Aber noch schlimmer war es vorher, als ich Chef in Pittsburgh und Oslo war: immer dieser Jetlag, die langen Reisen … eine Qual. Als ich 60 wurde, habe ich beschlossen, damit aufzuhören. In Oslo war ich kurz zuvor im Streit gegangen – es ging um die Akustik! –, und dann kam das Angebot aus München. Kaum hatte ich das zugesagt, kam Amsterdam. Das war einer der schwierigsten Momente in meinem Leben. Hätte ich das ablehnen können? Nein. Aber ich habe länger nachgedacht. Wie sieht das aus, wenn Mariss Jansons mal mit dem einen, mal mit dem anderen auf Tournee geht? Will man die einen vielleicht nicht, weil die anderen gerade da waren? Als mir versichert wurde, dass das kein Problem sein würde, habe ich zugesagt. Und es stimmt, bis heute.

Wo fühlen Sie sich mehr zu Hause, in Amsterdam oder in München?

Das ist eine unsittliche Frage. Nein, nein, ich behandle beide Orchester absolut gleich – was natürlich bedeutet, dass ich 200 Prozent arbeite. Prioritäten kann ich mir nicht erlauben, das sind meine beiden Kinder. Ich muss immer schauen, was braucht das eine gerade und was das andere. Und ich muss über weite Strecken vergessen, was für mich persönlich wichtig wäre. Wenn ich Mahlers Erste gerade in Amsterdam dirigiert habe, dann strebe ich normalerweise nicht danach, das Stück gleich wieder in München zu spielen. Aber wer weiß, vielleicht ist es nötig. Und dann mache ich es.

Sind Ihre beiden Kinder sehr verschieden?

Aber ja! Die Mentalität, der Klang, das Temperament, eigentlich alles. Aber wir befinden uns immerhin in Mitteleuropa, vieles ist auch sehr ähnlich. Wenn ich zurückdenke an die Zeit, als ich noch zwischen der Sowjetunion und Oslo hin und her gependelt bin, das war schwer, das hat Kraft gekostet. Insofern habe ich es heute leicht und bequem.

Was hört man, wenn Sie Debussys „La mer“ oder Schostakowitschs Fünfte mal in München, mal in Amsterdam dirigieren: Jansons oder das jeweilige Orchester?

Zuallererst natürlich meine Interpretation, die sich wiederum aus den verschiedensten Dirigier- und Hörerfahrungen speist. Und dann die Individualität, die Seele, wenn Sie so wollen, des jeweiligen Klangkörpers. Wobei man als Dirigent bereit sein muss, an Grenzen zu gehen, damit sich diese Seele zeigt, damit die Individualität Bestand hat. Andererseits macht es bei diesen Top-Orchestern überhaupt keinen Sinn, zu viel Druck auszuüben. Das rächt sich höchstens.

Ist es für Orchester schwieriger geworden, sich auf dem Musikmarkt zu behaupten und die eigene Identität zu bewahren?

Natürlich. Die Menschen sind einfach mehr im Stress als vor 20 Jahren. Und die Aufmerksamkeit für Kultur sinkt. Trotzdem ist der Geist eines Orchesters wie beispielsweise der Berliner Philharmoniker unantastbar stark. Persönlichkeit bleibt immer Persönlichkeit. Ansonsten bin ich ziemlich pessimistisch. Kultur ist heute Unterhaltung, selten wirklich mehr. Unsere Kinder lernen, ihre materiellen Bedürfnisse zu befriedigen, aber nicht ihre geistigen. Natürlich ist Geld wichtig. Aber doch nicht allein! Wenn wir den Menschen keine Kunst mehr bieten und keine Religion, dann werden sie sich weiter zu Affen entwickeln: Essen, Autos, Häuser, schönes Leben. Schluss. Dass wir im 21. Jahrhundert geistig so niedrig stehen, macht mir Angst.

Kann Europa da von Ihrer Heimat Lettland lernen, von der Peripherie?

Der Austausch ist wichtig, ja. Vom Kleinen ins Große, vom Großen ins Kleine, von der einen Sprache in die andere, vom Fremden ins Vertraute. Ich bin ja von Berufs wegen Kosmopolit und bin früher wie ein Verrückter gereist. Das ist ungeheuer wichtig für die eigene Inspiration, die Fantasie. Wir geben so viel von uns weg in unserem Beruf, Energie, Ideen, wir müssen Sorge tragen, dass ab und zu auch etwas zurückkommt. Nur in den eigenen vier Wänden sitzen, bringt nichts. Da kommt höchstens eine enge Kunst dabei heraus.

Ist Ihr Beruf eigentlich gesund?

Aber ja! Ich hatte zwei Herzinfarkte, und wenn ich nicht Dirigent gewesen wäre, wäre ich bestimmt schon lange tot. Ich bin gut trainiert, in jeder Beziehung.

Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey.

Mariss Jansons wurde 1943 als Sohn des Dirigenten Arvid Jansons in Riga geboren. Er studierte u.a. bei Hans Swarowsky in Wien und leitete die Orchester von St. Petersburg, Oslo und Pittsburgh . Seit 2003 ist er Chef des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, seit 2004 auch des Concergebouw Orchesters

Amsterdam.

Am Sonntag tritt Jansons mit dem BR-Orchester beim Berliner Musikfest in der Philharmonie auf. Auf dem Programm stehen Debussys „La mer“, Mussorgskis „Lieder und Tänze des Todes“ sowie Schostakowitschs Fünfte. Mit Debussy, Ives und Edgar Varèse widmet sich das Musikfest bis zum 16. September dem frühen 20. Jahrhundert. Infos: www.berlinerfestspiele.de

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