Kultur : Dirigent schööön!

DSO im Zirkus – Konzerthausorchester unter Gielen

Rüdiger Schaper

Ein amerikanischer Abend im Tempodrom. Ein Entertainer am Flügel. Wayne Marshall jagt Gershwins „Rhapsody in Blue“ über die Tasten, drosselt das Tempo, springt auf und treibt die Musiker des DSO in eine brillant getimte Stampede – so macht sich das alte Jahr aus dem Staub. Mit dem „Amerikaner in Paris“ und einer Amerikanerin in Berlin. Jocelyn B. Smith, Gesangssolistin bei der Musik in der Manege, haucht Stephen Sondheims „Send in the Clowns“ mit jener zarten Traurigkeit, die einen im Zirkus befallen kann, bei den fliegenden Menschen, den jonglierenden Schönheiten, beim Klarinettenspiel von Sharon Kam, durch deren Swing die Klezmer-Musik schimmert. Und die Artisten des Zirkus Roncalli landen punktgenau auf der Partitur.

60. Geburtstag feierte das Deutsche Symphonie-Orchester, eine Kreation amerikanischer Kulturpolitik. Daher weht der stürmische Wind beim Silvesterkonzert. Moderne Klassik der USA, Großstadtsound der Zwanziger, Westernmythen. Die Cowboys, die zu Aaron Coplands „Hoe down“ auf dem Trampolin ihre Schwerelosigkeit erproben, sind russische Zirkuskünstler. Ein Wirbel von Körper und Klang. Salto allegro. Das DSO spielt mit angelegten Ohren. Dirigent schööön!

Man kann Bruckner auch mal anders hören. Wie er trivialste Motive in komplexen Wiederholungsballungen ihre Bewegungsenergie entreißt, damit Schicht um Schicht zielsicher einen Ort außerhalb des musikalischen Spielfelds ansteuert, dort aber natürlich nie ankommt. Das kann man mit dem Konzerthausorchester unter der Leitung von Michael Gielen wunderbar erleben. Gielen hat die längere erste Fassung der 8. Sinfonie ausgewählt, und er lässt – der Weg ist das Ziel – seinem Bruckner Zeit. Was sich im Adagio besonders günstig auswirkt, die eigenartigen Begleitrhythmen entfalten ihre irritierende Wirkung, ihre Instabilität erst in sehr ruhigem Tempo. Was natürlich auch zu leichten Unschärfen im Zusammenspiel führt, macht aber nichts, ist vielleicht sogar beabsichtigt. Gielen gibt Bruckner so viel Elastizität. Und die neue Konzerthausakustik schmeichelt dem brachialen Blech. Ulrich Pollmann

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