Dirigent Zubin Mehta : „Ohne Musik kann ich nicht leben“

Dirigent Zubin Mehta hält sich zur Zeit viel in Berlin auf. Ein Gespräch über Ravi Shankar, Haydns "Schöpfung", Strauss' "Frau ohne Schatten" - und die Pläne des 80-Jährigen.

Von Hans Ackermann
Zubin Mehta vergangenes Jahr bei einem Konzert in seiner Heimatstadt Bombay.
Zubin Mehta vergangenes Jahr bei einem Konzert in seiner Heimatstadt Bombay.Foto: imago/Hindustan Times

Herr Mehta, Sie führen jetzt mit Pinchas Zukerman in der Philharmonie das Violinkonzert von Edward Elgar auf. Warum haben Sie ein ganz besonderes Verhältnis zu diesem Werk?

Das liegt an Yehudi Menuhin, der mir früher, bei den Proben, sehr viel dazu beigebracht hat. Und Pinchas Zukerman steht für mich in direkter Linie zu Menuhin.

Ihre Hinwendung zur westlichen klassischen Musik ist von einem anderen Geiger, nämlich von Ihrem Vater Mehli Mehta, bestimmt gewesen. Welches Interesse an indischer Musik gab es bei Ihnen zu Hause?

Bei uns zu Hause in Bombay gab es nur westliche klassische Musik. Mein Vater war ein sehr guter Geiger, er hatte ein eigenes Streichquartett, hat sehr viel geübt, unterrichtet und geprobt. Ich habe – leider – fast keine indische Musik zu Hause gehört. Auch nicht in der Schule oder beim Studium. Ich bin in eine jesuitische Schule gegangen, die Priester dort waren alles Spanier, die haben uns auch keine indische Musik beigebracht.

Aber Sie sind ja dann doch zur indischen Musik gekommen – wie und wodurch?

Fan von indischer Musik bin ich erst geworden, als ich Ravi Shankar und seinen unglaublichen Tabla-Spieler Alla Rakha kennenlernte. Konzerte von Ravi Shankar in der Carnegie Hall gingen manchmal bist ein Uhr morgens! Indische Musik, Raga-Spielen, das ist wie Jazz. Dort müssen die Musiker richtig viel spielen, um den Spirit zu finden, um in die geistige Haltung hineinzukommen. Eine volle Carnegie Hall bis ein Uhr in der Nacht, das war unglaublich! Da bin ich wirklich Fan indischer Musik geworden. Was ich in meiner Jugend nicht war, weil ich diese Musik nicht gekannt habe.

Sie werden jetzt mit der Berliner Staatskapelle auch zwei Mal Joseph Haydns „Schöpfung“ aufführen, ein Oratorium über die Erschaffung der Welt. Welchen Stellenwert hat das Werk für Sie ?

Die „Schöpfung“ ist das vollendetste Stück, das Haydn am Ende seines Lebens geschrieben hat. Ich dirigiere es, so oft ich kann. Neulich in der Scala, auch in Florenz, früher sogar in Israel. Und es ist jedes Mal eine Offenbarung, eine Entdeckung für mich.

Worin liegt die Schönheit dieser Musik?

Zum Beispiel der Chor, er singt nur Glückliches. Sonst gibt es doch in jedem Oratorium und in jeder Messe tragische Momente, aber in der „Schöpfung“ – kein Wort davon! Alles ist Lob Gottes, alles ist positiv, von Anfang bis Ende. Das ist sehr selten, auch bei Oratorien.

Wo berühren sich die christliche Religion, wie sie in Haydns „Schöpfung“ zum Ausdruck kommt, und Ihre eigene zoroastrische Weltanschauung?

Ich bin neun Jahre auf eine Jesuiten- Schule in Bombay gegangen, wo ich das Matthäus-Evangelium und die Apostelgeschichte studiert habe. Mit dieser Religion bin ich also aufgewachsen, obwohl es nicht meine ist. Ihre Worte sind nicht fremd für mich.

Der Zoroastrismus hat drei Leitsätze …

… gute Gedanken, gute Worte, gute Taten. Ein Triptychon – wie im Christentum. Unsere Religion hat dieses dreifache Credo schon 1000 Jahre früher entwickelt. Und wir versuchen, danach zu leben. Aber es gelingt uns nicht immer.

Ihr Leben ist, liest man Ihre Biografie „Die Partitur meines Lebens“, wie ein Märchen verlaufen, immer ist alles gut gegangen …

(lacht) Nein, das stimmt nicht …

Was hat Ihnen beim Erfolg geholfen ?

Zuerst bin ich meinem Vater sehr dankbar, der mir die Liebe zur Musik und auch sehr viel Repertoire beigebracht hat. Mit Schallplatten, in unserem Wohnzimmer in Bombay, hat er mich Partituren lesen gelehrt. Und natürlich meinem Lehrer in Wien, Hans Swarowsky. Dank ihm weiß ich, was musikalische Disziplin ist. Ob eine Sinfonie von Haydn oder eine Sinfonie von Mahler – es baut alles auf der gleichen Disziplin auf. Und diszipliniert bin ich auch in meinem Leben, trinke nicht, rauche nicht, bin als 80-Jähriger ein sehr gesunder Mensch. Im April werde ich 81.

Und ebenfalls im April eröffnen Sie die Festtage der Berliner Staatsoper mit „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss, ein für Sänger sehr anspruchsvolles Werk. Worin besteht die Herausforderung für den Dirigenten?

Diese Oper ist eine der schwersten überhaupt. Ein Wasserfall aus Musik, der nicht aufhört. Strauss schrieb an seinen Librettisten, Hugo von Hofmannsthal: „Schick mir bitte den Text, die Musik fließt derart aus mir heraus, ich warte auf Deine Worte. Warum schickst Du mir nicht die nächste Szene?“ Ich habe die Oper vor Jahren einmal in Florenz dirigiert. Jetzt freue ich mich schon sehr. Sie ist überwältigend. Ich hoffe, ich werde mit den Sängern gut musizieren.

Wie genau wollen Sie als Dirigent in diesem Stück mit den Sängern umgehen?

Man muss da gut balancieren, Strauss selber hat ja sehr viele Anweisungen in die Partitur der „Frau ohne Schatten“ geschrieben. Aber es ist manchmal einfach zu stark für die Sänger, da muss man ihnen helfen.

Sie haben erklärt, dass Sie 2019 nach 50 Jahren beim Israel Philharmonic Orchestra als Chefdirigent aufhören. Wollen Sie dann etwa ohne Musik auskommen ?

(lacht) Nein, ich werde natürlich weitermusizieren! In Israel aufzuhören heißt nicht, dass ich nach Los Angeles in mein Haus, in den Ruhestand gehe, überhaupt nicht. Ich werde viel arbeiten, viel musizieren, ich kann ohne Musik nicht leben. Und hier in Berlin bin ich sehr glücklich. Ich habe Pläne für die nächsten Jahre und ich freue mich darauf.

Das Gespräch führte Hans Ackermann.

Zubin Mehta, 1936 in Bombay geboren, ist eine der großen Dirigentenpersönlichkeiten unserer Tage. Er war Musikdirektor des Los Angeles Philharmonic Orchestra, dann der New Yorker Philharmoniker. 1977 wurde er Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra, seit 1981 auf Lebenszeit. Der Freund von Daniel Barenboim dirigiert diesen Donnerstag, 9.3., die Berliner Philharmoniker (auch 10. und 11.3., Philharmonie, 20 Uhr) und am 12.3. das Benefizkonzert des Bundespräsidenten zu Gunsten von UNICEF in der Philharmonie. Kommende Woche führt er mit der Staatskapelle Berlin Haydns „Die Schöpfung“ auf (13.3., 20 Uhr, Philharmonie und 14.3., 20 Uhr, Konzerthaus). Außerdem leitet er die Eröffnungsinszenierung der Festtage der Staatsoper mit Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“ am 9., 13. und 16.4., 18 Uhr

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