Kultur : Diskotier

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CHANSON

Große Plattenfirma, großes Budget, großartige Band - endlich könne er Musik wie Frank Sinatra machen, glaubt Rocko Schamoni, „wenn man von der Stimme mal absieht". Lässig schiebt er im SO 36 eine Hälfte seines Hinterns auf einen Barhocker, um wie sein Crooner-Vorbild das Konzert mit einer Geschichte zu beginnen - aus einem Buch, das er mal geschrieben hat unter anderem über Fassbinder und wie der sich in einem Hotel in Tanger dem finalen Kollaps entgegensäuft: Genie ist Verschwendung. Als das geklärt ist, bricht King Rocko, auf seine Art ein nicht minder raffinierter Verschwender, die Lesung wieder ab. Denn er ist ja als Entertainer gekommen. Tatsächlich muss man aber von viel mehr absehen als nur der Stimme, um den Sinatra-Vergleich plausibel zu finden. Zum Beispiel ist Schamoni nie reich geworden, obwohl er als (Ex-)Punk alle Voraussetzungen dafür mitbringt. Seine Weggefährten, die Toten Hosen oder die Ärzte, haben das besser gemacht. Ihre Songs werden Hits, ihre Äußerungen sind Teil der politischen Kultur. Schamonis Songs klingen zwar wie Hits, aber sie werden es nie. Dabei tragen sie so schöne Titel wie: „Gegen den Staat“ oder „Am Gartentor wartet die Zukunft“ und sind Manifeste eines anderen, natürlich viel schöneren Lebens, das aus Nichtstun und coolen Sprüchen besteht. Nach Berlin ist Schamoni mit einer Hymne an das weibliche Publikum gekommen: „Berlin Woman, deine Haare sind wie Mauern/ Schneid sie ab und du bist frei.“ Schöner kann man es einfach nicht sagen, wenn man von der Stimme mal absieht. Und so schlingert der Abend durch Wogen der Zweideutigkeit und bäumt sich schließlich zu einer intensiven, fesselnden Krach-Wand auf. Kai Müller

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