Kultur : Diskoträume

„Arab Queen“ im Heimathafen Neukölln

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Güner Balci nennt sie NDPs, Abkürzung für „Nutznießer der Parallelwelt“. In ihren Augen sind das jene Menschen, die ihr Geld mit dem Elend anderer verdienen, aber nicht wollen, dass noch jemand außer ihnen über das Elend spricht. Vor einigen Wochen mutmaßte die Fernsehjournalistin und Autorin Balci in einem offenen Brief, auch Fatih Akin und Feridun Zaimoglu könnten dieser Kategorie angehören. Weil die beiden nämlich zu den Unterzeichnern eines Protestschreibens an den Bundespräsidenten zählten, in dem sich deutsche Muslime über das stereotype Islambild beklagten, das ihnen an jedem Zeitungskiosk entgegenspringe. Balci konnte das nicht begreifen und fragte den Regisseur des Films „Gegen die Wand“ und den Autor des Romans „Leyla“ spitz: „Waren die Geschichten der muslimischen Frauen, die der Unterdrückung durch ihre Familien ausgesetzt sind, nun ernst gemeint – oder waren das etwa die von euch beklagten ‚stereotypen Bilder’, also realitätsferne Fiktionen mit dem einzigen Zweck, das Publikum zu unterhalten?“ Willkommen im Minenfeld eines aussichtslosen Kampfes um Deutungshoheit, Differenzierung und Dramatisierung.

Güner Balci ist die Autorin des Romans „Arab Queen“, den Regisseurin Nicole Oder jetzt am Heimathafen Neukölln inszeniert hat – wie zuvor schon „Arab Boy“, ebenfalls aus der Feder der Theaterschirmherrin Balci. „Arab Queen“ erzählt von Mariam und ihrer jüngeren Schwester Fatme, die unter der Knute eines nach Deutschland gewanderten Patriarchats anatolischer Prägung aufwachsen. Während Fatme sich freiwillig das Kopftuch anzieht, ringt die ältere Mariam mit dem Korsett der familiären Konventionen. Sex vor der Ehe ist genauso tabu wie chatten im Internet. Erst durch ihre deutsche Freundin Lena lernt Mariam den Geschmack der Freiheit und des Hochprozentigen in der Disko kennen. Als sie jedoch beim Flirt mit einem Jungen erwischt wird, ist im Handumdrehen die Zwangsheirat mit dem Cousin organisiert. Stereotyp oder Zustandsbeschreibung?

Güner Balci, die vor Zeiten in einem Neuköllner Mädchentreff gearbeitet hat, betont, dass ihre Geschichte auf einem wahren Fall beruhe. Das wird niemand in Abrede stellen wollen, streiten lässt sich nur darüber, ob die geschilderten Verhältnisse Mehr- oder Minderheitsprobleme sind, was letztlich die Sozialstatistiker und Talkshow-Theoretiker ausfechten müssen. Mit dem Verweis auf Authentizität allein lässt sich noch jedes Klischee verteidigen. Nicole Oders Inszenierung allerdings, die der Abschluss einer mit „Arab Boy“ begonnenen Neukölln-Trilogie am Heimathafen ist, hat nichts Spekulatives, nach Brisanz-Kitzel Heischendes. Vor allem ist sie großartig gespielt. Tanya Erartsin, Inka Löwendorf und Sascha Ö. Soydan übernehmen auf der spartanischen Bühne mit weißem Podest im zügigen Reigen sämtliche Rollen dieses Frauenromans, wozu geschwinde Kostümwechsel zwischen Tschador und Trainingsjacke genügen. Die drei treffen einen Ton zwischen dramatischem Realismus und ironischer Distanz, der nie larmoyant zu werden droht. So ist der Abend nicht zuletzt glänzende Unterhaltung. Obwohl – macht einen das nicht auch irgendwie zum NDP? Patrick Wildermann

Wieder 19. bis 21.11., 20.30 Uhr

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