Kultur : Diskrete Küsse - von Andreas Scholl

Ulrich Amling

Einst wurden sie als engelsgleiche Wesen geliebt, heute sind sie die Stars der internationalen Klassikszene: Sänger, deren Stimme höher hinaus reicht, als man das einem Mann zutrauen mag. Countertenöre haben mit dem Siegeszug der Barockoper die Bühnen erobert und die Tenöre in die zweite Reihe verwiesen. Sie treten in goldenen Rüstungen wie auch in schrillen Kleidchen auf und fordern so die Phantasie von Regie und Publikum heraus: jede Aufführung eine Gender-Study. Während viele seiner Kollegen das erotische Verwirrspiel zu ihrem Markenzeichen erhoben haben, repräsentiert Andreas Scholl den jüngsten Altisten-Trend: die Suche nach Normalität. Sein ausverkaufter Auftritt im Kleinen Saal des Konzerthauses ist von keinerlei Castra-Diva-Eitelkeit begleitet, schnörkellos und klar wie Wasser. Für die deutschen Barocklieder des Abends, deren Großteil während des 30-jährigen Krieges entstand, findet Scholl immer aufs Neue eine Lage zwischen Himmel und Erde. Seine Stimme durchwandert die Orte der Melancholie und der Herzensglut, von Vergänglichkeit und Lebenslust. Doch verliert sie sich dort nicht. Wie er so geschmeidig in die Gesangslinien einbiegt, so rhythmisch durch die Strophen treibt, nährt Scholl die Hoffnung, dass kein Leid von Dauer sein kann. Aus seinem hochgeschlossenen Anzug dringen dazu keine beschwörenden Gesten, auch bei der komödiantischen "Kunst des Küssens" bleibt Scholl im Vergleich zu seinem Altus-Kollegen Axel Köhler regelrecht diskret. Wer da Farblosigkeit wittert, hinter Scholls korrektem Äußeren den bilanzierenden Bankangestellten vermutet, dem entgeht eine Begabung, wie sie im exaltierten (oder oft einfach schlampigen) Musikgeschäft selten ist: die Gabe der Natürlichkeit. Andreas Scholl ist ihr Ritter. Ohne Furcht vor trockener Raumakustik, heiseren Hustern und leisen Tönen. Tadellos.

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