Diskurs : Grass-Statement polarisiert

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) warnt vor zu harschen Urteilen über das Bekenntnis von Literaturnobelpreisträger Günter Grass zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS.

Berlin/Hamburg - "Einige äußern sich so vehement, als hätten sie nur darauf gewartet, Günter Grass als öffentliche Person zu vernichten", sagte Thierse der Tageszeitung "Die Welt" laut Vorabbericht. Grass' Äußerungen seien erstaunlich. Es stelle sich die Frage, warum er früher nichts zu diesem Teil seiner Biografie gesagt habe und warum er ihn erst jetzt bekannt mache.

Thierse rief die SPD dazu auf, zu Grass zu stehen. "Ich kann meiner Partei nur raten, Günter Grass nun nicht als Aussätzigen zu behandeln", sagte er. Es sei absurd, in Grass nun einen "politisch-moralischen Outcast" zu sehen. Grass' Leben und Werk hätten sich nicht verändert.

Neumann: Grass´ Literarisches Werk bleibt bestehen

Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Kanzleramts-Staatsminister Bernd Neumann (CDU), sagte der "Bild"-Zeitung laut Vorabbericht: "Günter Grass' literarisches Werk bleibt bestehen. Aber als moralische Instanz, als die er sich selbst immer sah, hat er Schaden genommen."

Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn zeigte sich irritiert über Grass' langes Schweigen zu seiner Vergangenheit in der Waffen-SS. "Gut, dass Grass endlich damit raus ist. Seltsam, dass es solange gedauert hat", sagte Kuhn der "Bild"-Zeitung.

Börnsen: Literaturpreis zurückgeben

CDU-Kulturexperte Wolfgang Börnsen kritisierte, Grass sei als Mitglied der Waffen-SS aktiv für das nationalsozialistische Regime eingetreten. Einen Teil seiner dadurch verlorenen Glaubwürdigkeit könne er zurückerlangen, wenn er seine Literaturpreise zurückgebe. "Da Sie Ihre Auszeichnungen stets auch als unbeugsamer Moralist und nicht nur als hervorragender Erzähler erhalten haben, wäre es ein Akt tatsächlicher Honorigkeit, aus eigener Einsicht von diesen Ehrungen zurückzutreten", zitierte die "Bild"-Zeitung aus einen Brief Börnsens an Grass.

Ein Vertreter der in Polen regierenden nationalkonservativen Gerechtigkeitspartei PiS kündigte eine Initiative zur Aberkennung der Danziger Ehrenbürgerschaft des deutschen Autors an. "Ein Mitglied der Waffen-SS darf niemals Ehrenbürger einer polnischen Stadt sein. Besonders nicht von Danzig, der Stadt, in der der Zweite Weltkrieg seinen Anfang nahm", sagte der polnische PiS-Abgeordnete Jacek Kurski der "Bild"-Zeitung.

Rückhalt für Grass aus der Kulturszene

"Ich habe Respekt vor seinem späten Eingeständnis", sagte der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, der "B.Z.". Wenn sich die erste Aufregung gelegt habe, "wird ihm seine Offenheit positiv angerechnet werden". Grass nun seine Preise abzuerkennen, halte er für "Unsinn".

Der Schriftsteller Erich Loest sagte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", er zähle sich weiter zu den Freunden Grass', "zu jenen, die sagen: Er ist spät, aber er ist doch noch mit der Wahrheit ans Licht gekommen". Dennoch betonte Loest, er habe kein Verständnis für das jahrelange Schweigen Grass'. "Ich verstehe es nicht. Nachdem es doch spätestens in den 70er Jahren, als man über die SS detaillierter Bescheid wusste, möglich gewesen wäre, so etwas zuzugeben...."

Loest sieht verpasste Gelegenheit

Als Altbundeskanzler Helmut Kohl 1985 mit dem früheren US-Präsidenten Ronald Reagan den Soldatenfriedhof in Bitburg besuchte, auf dem auch SS-Angehörige liegen, wäre es für Grass "eine gute Gelegenheit" gewesen, zu sagen: "Hier hätte ich auch liegen können", fügte Loest hinzu.

Der Wittenberger Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer betonte: "Der Fall Grass macht uns Deutschen wieder einmal schmerzlich klar, wie viele der öffentlichen Personen, die später zu Idolen wurden, involviert waren, wie tief unser Volk verstrickt war." Für den Historiker Peter Reichel ist das Bekenntnis Grass' eine inszenierte Beichte gewesen. Es sei passend genau zum Erscheinen der Autobiographie veröffentlicht worden, sagte der Professor am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Hamburg.

Debatte um Danziger Ehrenbürgerschaft

Ein Vertreter der in Polen regierenden nationalkonservativen Gerechtigkeitspartei PiS kündigte eine Initiative zur Aberkennung der Danziger Ehrenbürgerschaft des deutschen Autors an. "Ein Mitglied der Waffen-SS darf niemals Ehrenbürger einer polnischen Stadt sein", sagte der polnische PiS-Abgeordnete Jacek Kurski.

Ungeachtet dessen hat das öffentliche Ansehen des Schriftstellers offenbar kaum unter seinem Waffen-SS-Bekenntnis gelitten. In einer repräsentativen Umfrage des "Stern" gaben 87 Prozent an, Grass solle den Literaturnobelpreis behalten. Acht Prozent sprachen sich dafür aus, der Autor solle die 1999 verliehene Auszeichnung zurückgeben. (tso/ddp)

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