Kultur : Diskurswerfer

Dem Historiker Hans Mommsen zum 75.

Hermann Rudolph

Vergegenwärtigt man sich die Wirkung, die die Geschichte für die öffentliche Meinungsbildung in der Bundesrepublik gespielt hat, so stößt man zwangsläufig auf ihn. Keine der Debatten, die ihr intellektuelles Klima beeinflusst haben, vom Historikerstreit bis zum Goldhagen-Spektakel, fand ohne Hans Mommsen statt. Und versucht man, sich die historischen Trendsetter der letzten Jahrzehnte vorzustellen, sozusagen zum Gruppenfoto versammelt, so ist er geradezu unentbehrlich: immer etwas enragiert wirkend, der Kopf aufglühend vom streitbaren Temperament, insofern auch von seinem Zwillingsbruder, dem im vergangenen Jahr tödlich verunglückten Historiker Wolfgang Mommsen, zu unterscheiden.

Hans Mommsen gehört, daran kann kein Zweifel sein, zu der von Krieg und Nachkrieg beeinflussten Generation von Historikern und Sozialwissenschaftlern, die im wissenschaftlichen Leben der Bundesrepublik Epoche gemacht haben. Er steht durchaus in der Reihe von Habermas und Nipperdey, Bracher und Broszat, die Hans-Ulrich Wehler – selbst einer von ihnen – die „Generation 45“ genannt hat, auch wenn er zumeist den linken Außenstürmer gegeben hat.

Unbestritten und unbestreitbar sind die Impulse, die er vor allem der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gegeben hat. Mommsen hat, beispielsweise, wesentlich dazu beigetragen, dass die „polykratischen“ Züge im Bild des Regimes hervortraten. Mit seiner großen Studie über das VW-Werk hat er den Blick auf die Verstrickung von Industrie und Diktatur gerichtet und damit die Zwangsarbeiter-Debatte vorbereitet. Dazu, in 28 Jahren auf dem gleichen Lehrstuhl in Bochum, immer wieder Studien über Weimar, den deutschen Widerstand, die Arbeiterbewegung.

Der Spross einer berühmten Gelehrtenfamilie, Urenkel von Theodor Mommsen, hat auch die Schattenseiten des deutschen Mandarinentums erfahren – in der Familie: Sein Vater, ebenfalls Historiker, verlor wegen NSNähe seinen Lehrstuhl. Mommsens herbes Verhältnis zum Bismarckreich, sein heftiges Ankämpfen gegen geargwöhnte konservative Rückfälle mag damit zusammenhängen. Vielleicht ist es aber auch sein reizbares Naturel, das ihn da gelegentlich sehr weit hinausgetragen hat. Kaum jemand intonierte in den Debatten der achtziger Jahre, in denen die Frage nach dem Schicksal des Nationalstaats gestellt wurde, so heftig dessen Revision wie der Schüler des doch eher national gestimmten Historikers Hans Rothfels. Die Nation sei tot, es lebe die Region hieß das einmal. Tempi passati. Stoff für Historiker. Heute feiert Hans Mommsen, der Unentbehrliche, seinen 75. Geburtstag.

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