Kultur : Diskussion mit Dieter Hoffmann-Axthelm: Die Geister, die er rief

Michael Zajonz

Vor einem Jahr hatte der Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm in dem für Antje Vollmer von den Grünen erstellten Gutachten "Kann die Denkmalpflege entstaatlicht werden?" den Schutz von Nachkriegsbauten nicht eben freundlich als "Gesinnungsdenkmalpflege" bezeichnet. Plötzlich waren Abrisse, wie der des Ahornblatts oder von Paul Baumgartens Bewag-Erweiterung, Teil eines ideologischen Dauerstreits über die Deutungshoheit im Stadtzentrum.

Da Hoffmann-Axthelm die überwiegend negativen Reaktionen auf seine Streitschrift mit trotzigem Beharren quittiert hat, durfte man auf die Konfrontation mit Adrian von Buttlar vom Landesdenkmalrat und Leipzigs Stadtkonservator Norbert Baron bei der Diskussion über Nachkriegsmoderne und Denkmalwert gespannt sein, zu der die Architektenkammer Berlin mit der "Initiative Architektur und Baukultur" des Bundesbauministeriums dieser Tage geladen hatte. Leider erwies sich die Moderation von Kammerpräsident Cornelius Hertling als kontraproduktiv. Zähe zwei Stunden lang verwässerte er noch dort, wo allein Prägnanz die mäandernde Diskussion gerettet hätte. Unfreiwillig wurde das geduldig im Bauhaus-Archiv ausharrende Publikum zum eigentlichen Helden des Abends.

Denn auch Hoffmann-Axthelm bot keine leichte Kost: Dass den sechziger und siebziger Jahren mit Bewertungskriterien beizukommen sei, die Georg Dehio und andere um 1900 für "klassische" Monumente wie das Heidelberger Schloss entwickelt hatten, bestritt er vehement. Bei Bauten des industriellen Zeitalters liege die "geringe Haftfähigkeit der Architektur in der dünnen Substanz des Gebäudes" begründet. Schneller Verschleiß einer seriellen "Architektur, die in Rudeln auftritt", unterstreiche ihre künstlerische Belanglosigkeit wie moralische Haftbarkeit. Hoffmann-Axthelms Aperçu: "Ich kann das Hansaviertel nicht von Brasilia entkoppeln."

Dieser apodiktischen Sicht auf die Moderne mochten weder Podium noch Publikum folgen. Von Lebensqualität war da die Rede, vom unbelasteten Blick einer jungen Generation auf trendige Seventies. Doch obgleich von Buttlar am Beispiel des ebenfalls zum Abschuss freigegebenen Studentendorfs Schlachtensee die wachsende Akzeptanz angeblich ungeliebter Bauten beschwor, wurden die ungelösten Vermittlungsaufgaben der staatlichen Denkmalpflege gemeinsam beschwiegen. Es ging ein Gespenst um im Saal - das Gespenst der "Bürgergesellschaft". Soll dieses luftige Kollektivwesen, wie im Gutachten vorgeschlagen, künftig entscheiden, welche Baukunst für kommende Generationen bewahrt wird? Letzter Auftritt Hoffmann-Axthelms: "Dafür sorgen wir alle." Ende der Performance - und irritiertes Schweigen.

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