Diskussion um sexuellen Missbrauch : Warum gerade jetzt?

Kindheit und Tabu: Die öffentliche Auseinandersetzung über sexuellen Missbrauch hat erst begonnen.

Vera Kattermann
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Flüstern oder Schreien. Beichtstuhl in einer schwäbischen Rokokokirche. -Foto: dpa

Könnte es an der Zeit sein, ein zweites Zeitalter der Aufklärung auszurufen? Das öffentliche Erinnern hat seit Jahren Hochkonjunktur, nicht nur organisiert in Form von Wahrheitskommissionen und anderen Institutionen der Aufarbeitung, sondern auch im Privaten. Ob Kriegskindheit oder Heimkindheit in den Fünfzigern, die erneute Hinwendung zu erlittenen Traumata findet immer mehr Raum in der gesellschaftlichen Debatte. Die Serie der Enthüllungen von sexuellen Missbrauchsfällen an pädagogischen Einrichtungen erschüttert die Öffentlichkeit jedoch so heftig wie selten.

Sie hat eine Diskussion angeregt, die sich einerseits als längst überfällig erweist, zugleich jedoch gerade im Überfälligen irritiert. Wieso tritt nun plötzlich mit Vehemenz zutage, was über einen so langen Zeitraum beschwiegen wurde? Nicht nur die endemische Verbreitung des Missbrauchs, auch die Betroffenheit der Öffentlichkeit ist auffallend.

Dass die Medien sich auf das Thema des sexuellen Missbrauchs gerade auch an katholischen Einrichtungen stürzen, kann nicht verwundern. Kaum ein anderer Gegenstand öffentlichen Interesses vereint in ähnlich aufgeladener Zuspitzung die Dimensionen von Sex & Crime, die Polaritäten von Schuld und Unschuld, Moral und Amoral. Hierin ist ein Konflikt auf die Spitze getrieben, den Sigmund Freud zwischen Über-Ich und Es ansiedelte: das Obsiegen unbeirrbar egoistischer Triebwünsche, gegen die sich auch die Zensur- und Kontrollversuche eines oftmals religiös verstärkten Gewissens nicht durchzusetzen vermögen. Die Betroffenheit angesichts der Missbrauchsfälle erwächst aus dem inneren Spannungsfeld als unsererseits darin schutzlos Gewordene. Wem kann man noch trauen, wenn nicht pädagogischen Vorbildern, wer hütet noch die Ordnung, wenn nicht die Kirche oder die gesellschaftlichen Institutionen? Einmal mehr fordert die Moderne ultimative Eigenverantwortung: Verlasse dich auf keinen als nur dich selbst!

Dabei ist der Konflikt zwischen Gewissen und Amoral jedem sattsam und manchmal auch quälend bekannt. Das Geworfensein in eine Welt ohne sicheren Halt, nicht in Vorbildern und nicht im Selbst, findet in den berichteten Missbrauchsfällen zugespitzten Ausdruck. Aber warum all dies erst jetzt? Zwar ist bekannt, dass Übergriffe über viele Jahre hinweg „vergessen“ werden. Aber auch so lange?

Ja! Es können dann auch nebensächliche Ereignisse sein, welche Schmerz, Verzweiflung und Verwirrung wieder wachrufen. Vorreiter im medial unterstützten Aufdecken der Missbrauchsfälle waren in den vergangenen Jahren Irland und die USA. Die Vernetzung im Medienzeitalter erlaubt eine intensivere Teilhabe an Aufklärungsprozessen und spiegelt sich dann auch in einer Art seelischem Globalisierungsprozess. Internetforen bieten nicht nur Information, sondern erlauben zugleich Austausch in Anonymität.

Hier kann Erinnerung zunächst probeweise mitgeteilt und emotionale Unterstützung geleistet werden. Die Bedeutung einer solchen virtuellen Community ist im Kontext des sexuellen Missbrauchs nicht zu überschätzen. Denn in der Öffentlichkeit treffen Missbrauchsopfer häufig auf Skepsis und Zweifel. Zudem fühlen sie sich paradoxerweise oft mitschuldig am Geschehen und schämen sich. Und gerade weil die Missbrauchssituation heimlich und unter dem Ausschluss Dritter geschieht, ist die Aufhebung dieser Isolation über das Internet so bedeutsam. Dass also Jahrzehnte vergehen mussten, bevor das Thema nun massiv an die Öffentlichkeit dringt, wird plausibel als neue Form der Diskussion tabuisierter Themen. In der virtuellen Welt sind Tabus schon lange außer Kraft gesetzt. Das Internet – auch ein Forum für kriminelle Kinderpornografie – erlaubt zudem, eben jenes Verhältnis zu zerstören, in dem das Opfer abhängig von einem mächtigen und autoritären Täter ist. Das Bestürzende bei den jetzt zutage tretenden Enthüllungen sind die systematischen Verleugnungen und Vertuschungen seitens der Kirche. Dieser institutionelle Machtmissbrauch bedurfte einer mutigen, widerständigen Gegenströmung aus dem Zusammenschluss vieler Opfer.

In der öffentlichen Diskussion zeigen sich jetzt jedoch auch zahlreiche blinde Flecken, die das Bild verfälschen. Zum einen betrifft dies das öffentliche Bild der Täter. Häufig wird als Reaktion der Öffentlichkeit auf die Enthüllungen Unglauben bekräftigt. Manch einer weigert sich, das Berichtete zu glauben. Der belastete Geistliche sei doch ein so freundlicher und engagierter Mann. Die Notwendigkeit, geschätzte Vorbilder zu idealisieren und auch weiterhin als solche anerkennen zu dürfen, führt zu einem bekannten Muster der Verleugnung.

Im vermeintlichen Widerspruch zwischen pädagogischem Vorbild und moralischem Totalversagen wird übersehen, dass Missbrauchende häufig eine besondere Nähe zu Kindern spüren und herstellen können. Der Missbrauch entsteht oft gerade aus einer solchen einfühlsamen Nähe heraus, die es dem oder der Missbrauchten verwirrend bis unmöglich macht, sich zu schützen. Viele Täter sind selbst in irgendeiner Form Opfer von sexualisierter, seelischer oder körperlicher Gewalt geworden. Gerade diese Auflösung klarer Trennlinien zur Unterscheidung von Verantwortung und Hilflosigkeit irritiert nachhaltig und erfordert – jenseits einer klaren Verurteilung ihres Handelns – die Frage nach dem Erleben und den Perspektiven der Täter.

Diese Frage hat einen Doppelaspekt. Sie verlangt Rechenschaft und möchte zugleich verstehen. Ablehnendes Abwenden von Missbrauchstätern spiegelt sich jedoch bislang noch in der politisch verantworteten Versorgungslandschaft: Beratungs- und Therapieangebote für pädophile Täter werden unzureichend finanziert, sind rar und werden doch als präventive Antwort auf das aktuelle Geschehen dringend gebraucht.

Die Diskussion der Missbrauchsfälle auf katholische Geistliche und auf vergangene Jahrzehnte zu reduzieren, ist jetzt gefährlich. Es mag verführerisch scheinen, das Vorkommen des Missbrauchs zölibatär Verzweifelten in rigide-autoritären Institutionen eines verklemmten Jahrzehnts zuzuschreiben und damit seine Aktualität und seinen endemischen Charakter auszublenden. Offen bleibt bislang, inwiefern es auch in ostdeutschen Institutionen und Gruppenstrukturen zu systematischeren Missbrauchssituationen kam. Ist die Scham zu sprechen bislang noch zu groß oder wirkte hier die Atmosphäre von staatlicher Überwachung und Kontrolle schützend für die Opfer? Insgesamt suggeriert der zeitliche Abstand bei den meisten der jetzt berichteten Missbrauchsfälle eine Distanz, die trügerisch ist. Denn die Meldungen sexuell missbräuchlicher Übergriffe sind seit Jahren konstant bis steigend – und sie finden vielfach innerhalb der Familien statt. Betroffen sind zahllose einzelne Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihrer Vereinzelung das erlittene Unrecht selten öffentlich anzuklagen wagen. In dieser Hinsicht dürfte das Zeitalter der Aufklärung gerade erst begonnen haben.

Die Autorin lebt als Psychotherapeutin in Berlin.

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