Kultur : Diskussionen auf Dachterrassen

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Sie sind die Senkrechtstarter der Saison: Der Exklusivvertrag, den das ArtemisQuartett im letzten Jahr beim Branchenriesen EMI unterschrieb, hat dem Ensemble einen gewaltigen Popularitätsschub gegeben. Auch die kleine Konzertreihe, die das Quartett in seiner Wahlheimatstadt gibt, hat von der erhöhten Medienpräsenz profitiert – vor allem die Generation zwischen 20 und 40 nimmt enthusiastisch das Angebot an, sich mit Streichquartetten von Ligeti und Bartok auseinander zu setzen. Woraus sich zweierlei schließen lässt: Erstens, dass es ein potenzielles Klassikpublikum gibt, dass man nicht mit Crossover-Tümelei, sondern im Gegenteil mit intellektuellen Herausforderungen gewinnt. Und zweitens, dass auch die vermeintliche Nischengattung Streichquartett eine Zukunft hat, wenn man sie vom muffigen „Vier alte Herren im Frack“-Image befreit. Junge Quartette gibt es zwar schon lange, aber meist beschränkten sich die Signale von Modernität darauf, dass die Musiker in bunten Oberhemden auf den CD-Covern posierten oder sich nach Beatles-Manier auf einem Zebrastreifen ablichten ließen – sonst aber brav ihren Brahms spielten. Das Artemis-Quartett ist wohl die erste Formation, an der ein konsequent modernes, identifikationstaugliches Quartett-Image demonstriert wird. Der Platz dieser Musik, so suggerieren ihre in der U-Bahn und auf Kreuzberger Dachterrassen aufgenommenen Gruppenbilder, ist mitten in der Stadt und das Quartettspiel nur das musikalische Pendant zu einer guten Diskussion. Das funktioniert natürlich nur, weil die Artemisler dieses Imageversprechen auch künstlerisch einlösen. Am Dienstag werden sie ihre Diskurs-Qualitäten wieder im Kammermusiksaal erproben. Und im Spannungsfeld zwischen Bartok und Ligeti wird auch ein Werk wie Mozarts spätes F-Dur-Quartett mehr sein als bloße Traditionspflege.

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