Diskussionen im Netz : Sexismus-Debatte und andere - es fehlt Empathie!

Sexismus, Rassismus, Urheberrecht: Das Netz diskutiert, schafft aber keinen wirklichen Diskurs. Während eine kleine Elite Fragen immer differenzierter behandelt, beschränkt sich ein abgehängtes Diskussionsprekariat auf destruktive Zwischenrufe. Was lässt sich dagegen tun?

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Internetdebatten - wie die aktuelle über Sexismus - werden allzu oft von diffusen Ängsten befeuert.
Internetdebatten - wie die aktuelle über Sexismus - werden allzu oft von diffusen Ängsten befeuert.Foto: dpa

Eigentlich könnte der Blick auf die letzten zwei Wochen im deutschsprachigen Internet glücklich machen: wie da zwei Diskussionen ihren Lauf nahmen; wie beide – die über Rassismus in Kinderbüchern ebenso wie die über Sexismus und Belästigung – den Sprung vom Zwischenruf zur differenzierten Analyse schafften; wie sich dabei bemerkenswerte Beiträge bemerkenswert gut verbreiteten; wie die Begrifflichkeiten schärfer, die Vorstellungen davon, was an welcher Stelle genau diskutiert werden kann, präziser wurden. Ja, das könnte sogar Anlass für Stolz sein!

Aber, ach, wie kann es das, wenn nur die wenigsten an der Entstehung einer Diskussion beteiligt sind: die mit dem Mut, der Zeit und auch dem intellektuellen Vermögen, an ihr „dranzubleiben“, wenn sie über die Reflexzonen von „Muss alles anders“ und „Soll alles bleiben“ hinausgreift. Das schöne Dossier über Rassismus und Sexismus, zu dem das Web in den letzten zwei Wochen geworden ist: Umfassend rezipiert und klug ergänzt hat das nur eine kleine Elite.

Reaktionen auf Sexismus-Vorwürfe gegen Brüderle
Die Stern-Redakteurin Laura Himmelreich beschuldigt Rainer Brüderle, seit Montag Spitzendkandidat der FDP, ihr zu nah gekommen zu sein. Am Rande des Dreikönigstreffen der FDP vor einem Jahr soll er sexuelle Anspielungen gemacht haben. Rainer Brüderle hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. Einige andere aber schon...Weitere Bilder anzeigen
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Außen rotierte und rotiert derweil ein abgehängtes Diskussionsprekariat um irrwitzige Fragen: Müssen wir jetzt auch noch Goethe zensieren? Darf ich Kolleginnen nicht mehr anlächeln? Von diffusen Ängsten getrieben werden bei Twitter, in Foren, Blogs und Online-Kommentarspalten wirre Zukunftsszenarien entworfen und Kontinuitäten beschworen, als sei allein die Anregung einer gesellschaftlichen Fortentwicklung das Ende jedes Geschichtsbewusstseins. „Darf man jetzt auch nicht mehr…“ – für Diskutantinnen und Diskutanten ist es auf die Dauer ermüdend, sich immer wieder mit Sätzen auseinanderzusetzen, die so beginnen.

Was soll man da antworten? „Wenn der Rechteinhaber selbst das Werk verändert, hat das nichts mit Zensur zu tun.“ Und: „Wer beim Thema Belästigung sofort befürchtet, nicht mehr mit Frauen reden zu dürfen, hat ganz andere Probleme.“ So etwas verfängt nicht bei denen, die die große Angst vor dem Neuen umtreibt. Und letztlich bleibt dem Diskussionsprekariat auch immer noch ein Blitztrumpf: „Haben wir keine wichtigeren Probleme?“ Wer da klarzumachen versucht, dass auch Fragen, die nicht Mord und Totschlag betreffen, wichtig sein können, verzettelt sich endgültig.

Wie dem begegnen? Die Diskussionen einfach nicht mehr führen? Eine denkbar schlechte Lösung. Innerlich und äußerlich verhärten und dorthin zurückziehen, wo Einvernehmen ist? Das vertieft nur Gräben und endet damit, dass zwei Seiten sich gegenüberstehen und jeder Zwischenton schon Verrat ist.

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