DISKUSSIONWie Ost-Berlin und West-Berlin verschmolzen : Auf der Mauer, auf der Lauer

Noemi Hahnemann

Als das Künstlerprogramm des DAAD ihn für ein gutes Jahr nach Berlin einlud, stand die Mauer noch. Als João Ubaldo Ribeiro (Foto), durch den Roman „Sargento Getúlio“ (Suhrkamp) international bekannt geworden, mit Frau und zwei kleinen Kindern von Rio de Janeiro aus im Frühjahr 1990 im Halenseer Storkwinkel eintraf, war sie bereits gefallen.

Die neue Stimmung drängte sich ihm sofort auf: „Die unzähligen Besucher aus dem Osten, wie erstaunte Kinder auf den Straßen, in den Läden, auf Bahnhöfen und Plätzen, scheinen die Berliner auf dieser Seite sehr zu irritieren – das Leben stellt sich jetzt vielleicht ungeordneter, fast chaotisch dar. Die Menschen haben den Eindruck, dass sie nicht mehr besucht, sondern überrannt werden“, schreibt er in dem Glossenband „Ein Brasilianer in Berlin“. Und er beobachtete: „Der Nächste ist nicht mehr Bruder, weil von gleicher Nationalität oder weil er Teil der Menschheit ist. Der Nächste ist ein Eindringling, dessen Sprechweise, dessen Art und dessen Schwächen unannehmbar sind.“ Der ungarische Essayist László F. Földenyi dagegen („Ein Foto aus Berlin“), der im Storkwinkel eine Zeit lang Ribeiros Nachbar war, spazierte während seines Stipendiums 1988/89 zwar noch über die West-Berliner Insel, zweifelte aber immer wieder daran, ob seine wahre Heimat nicht erst jenseits des Potsdamer Platzes beginne. Zusammen mit Joachim Sartorius, dem damaligen Leiter des Künstlerprogramms, erinnern sich die Schriftsteller im Rahmen der Ausstellung „Beyond the Wall“ an den „Abschied von der Insel“. Tagesspiegel-Literaturredakteur Gregor Dotzauer moderiert das Gespräch der drei. Noemi Hahnemann

Stiftung Brandenburger Tor im Max-Liebermann-Haus, Mo 12. 11., 20 Uhr, 3 €

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