• Disneys "Fantasia": Die Fortsetzung für das 21. Jahrhundert - Ein Film über Musik, mit Konzertklassikern für alle

Kultur : Disneys "Fantasia": Die Fortsetzung für das 21. Jahrhundert - Ein Film über Musik, mit Konzertklassikern für alle

Andreas Conrad

O tempora, o mores! Wo bleibt der Respekt? Noch vor 60 Jahren zupfte Micky Maus dem großen "Fantasia"-Dirigenten Leopold Stokowski gerade mal bescheiden an den Frackschößen; nun, in "Fantasia 2000", dem neuen Versuch, klassische Musik in Bilder zu übersetzen, greift er dessen Nachfolger James Levine sogar schon an die Fliege. Der Abstand zwischen Maus und Maestro, zwischen Trivial- und Hochkultur ist offenbar noch geringer geworden.

Und man achte erst auf die Beleuchtung: Die Maus, die Musiker, der Dirigent, sie waren in "Fantasia", Walt Disneys ambitioniertestem und, ja, man darf sagen, legendärem Werk, grundsätzlich im Gegenlicht der Scheinwerfer gefilmt, fast als Schattenriss, was die Szene überhöhte, ihre Akteure stilisierte, mitunter gar dämonisierte und so denen im Saal entrückte. Micky 2000 und seine Musikanten dagegen werden im hellsten Rampenlicht gezeigt, haben all ihre Geheimnisse an der Garderobe abgelegt. Nur den Zuschauer nicht irritieren, bloß keine Abstraktion, bloß kein Risiko!

Auch genügte 1940 ein einzelner, weitgehend anonymer Sprecher, der Radiokommentator Deems Taylor, der mit ruhiger, ein wenig erhaben dozierender Stimme von Musikstück zu Musikstück führte, ohne sich groß ums Amüsement zu scheren. Heute verlangt der Zeitgeist unentwegt nach Entertainern, und so engagierte man mit Steve Martin, Bette Midler, Quincy Jones und anderen Showgrößen wahre Stimmungskanonen, deren Humor, jedenfalls in der deutschen Version, der Qualität der aneinandergereihten Musikfilme kaum gerecht wird.

"Fantasia", für Walt Disney "Bilder zum Hören - Musik zum Schauen", ist also im 21. Jahrhundert angekommen, in der Welt der computeranimierten Musikvideoclips, die doch der alte Film mit seinen illustrierten Konzertklassikern um Jahrzehnte vorweggenommen hatte. Drei Arten von Musik seien zu unterscheiden, wird man heute wie damals belehrt: solche, die Geschichten erzähle; solche, die Bilder schildere; schließlich die absolute Musik. Schon in "Fantasia" wurde der erste Typ favorisiert, eine Tendenz zum Dramatischen, die diesmal noch betont wurde, wohl wieder mit Blick auf die Sehgewohnheiten des Publikums. Schon die abstrakte Eröffnung zum berühmten Da-da-da-daa von Beethovens Fünfter Symphonie wird nicht durchgehalten, aus dem Gewimmel der Formen und Farben lösen sich bald zwei flatternde Dreieckspaare, die an Schmetterlinge und Fledermäuse erinnern und irgendwie den Kampf zwischen Gut und Böse symbolisieren sollen. Wie in einem Werbefilm für Naturschutz kommen zu Ottorino Respighis "Pini di Roma" ganze Geschwader von Buckelwalen dahergeschwommen, nur dass sie bei Disney auch noch fliegen können, bis über die Wolken und ins All. Wieder ist eine Handlung hineingewoben, die herzergreifende Geschichte eines kleinen Wals, der sich in Eishöhlen verirrt, doch zu den Eltern zurückfindet.

Von welch anderem Kaliber ist da doch "Rhapsody in Blue"! Schon Walt Disney hatte Gershwins berühmtes Stück ins Auge gefasst, entstanden ist nun die temporeiche, vor Bildwitz sprühende Sinfonie der Großstadt, gezeichnet im Stil des amerikanischen Karikaturisten Al Hirschfeld und durch vier Hauptfiguren, deren Wege sich ständig kreuzen, in einen lockeren Handlungsrahmen eingepasst. Nur noch das an beste Disney-Zeiten erinnernde Ballett der Jo-Jo spielenden Flamingos zu Camille Saint-Saens "Karneval der Tiere" vermag unter den sieben neuen Filmen dieses Niveau zu erreichen, der Rest ist häufig mit allzu viel Zuckerguss angerichtet, in Handlung wie Zeichnung. Also darf der standhafte Zinnsoldat zu Schostakowitschs Pianokonzert Nr. 2 anders als bei Hans Christian Andersen überleben und kriegt seine Ballerina, und auch die Kulleraugen der grünschillernden Waldfee strahlen am Schluss von Strawinskys "Feuervogel" wie neu. Immerhin begegnet Donald Duck, als Lademeister in Noahs Arche, einem richtigen Entenpaar, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Von Sir Edward Elgars Marsch "Pomp and Circumstance" umschmettert, guckt er recht verdutzt.

Unerreicht aber bleibt Micky Maus als "Der Zauberlehrling", zu der mitreißenden Musik von Paul Dukas. Der alte, frei nach Goethe gezeichnete Trickfilm wurde als einziger "Fantasia"-Ausschnitt in den neuen Film hinübergerettet, als ein mit allen Finessen nachpoliertes Zitat. Die Zeichner hatten es hier vergleichsweise leicht, erzählte doch schon die Musik eine Geschichte. Deren Rhythmus sind die Bilder, die tanzende Maus, die marschierenden Besen, die strudelnden Fluten, perfekt angepasst. Mit dem "Zauberlehrling" hatte der "Fantasia"-Ausflug in Reich der Musik begonnen.

Die Episode mit der Maus, geplant als Folge der Kurzfilmreihe "Silly Symphonies", war bereits 1938 entstanden, leider war er viel zu teuer. Walt Disney, von den Perspektiven des Trickfilms ohnehin begeistert, setzte auf die Flucht nach vorn. Aus dem knapp zehnminütigen Film sollte ein abendfüllendes Programm werden. Weitere Musikstücke wurden ausgesucht, auch der Dirigent Leopold Stokowski ließ sich noch einmal auf das Spiel ein, unerschrocken trotz aller vorgesehenen Kürzungen und Variationen. Vorläufer in der Filmgeschichte hatte es durchaus gegeben, seien es die "Silly Symphonies" oder auch die abstrakten Musikfilme des Deutschen Oskar Fischinger, der eine Zeitlang an der ersten "Fantasia"-Episode zu Bachs "Toccata und Fuge in D-Moll" mitarbeitete, aber im Streit von Disney schied.

Gleichwohl war "Fantasia" exzeptionell und sollte es bis auf weiteres bleiben. Disney hatte den Film als work in progress angelegt, der finanzielle Misserfolg machte dem ehrgeizigen Projekt rasch ein Ende. Mit dem Krieg war der europäische Markt weggebrochen, in den USA lief der Film auch nicht so recht, zudem war die Vorführtechnik - als ersten Film hatte man "Fantasia" in Stereo aufgenommen - zu aufwendig. Die Pläne zur Fortsetzung blieben liegen, wurden erst wieder von Roy E. Disney, dem Neffen, hervorgekramt, nachdem die Videovermarktung Anfang der Neunziger Jahre ungemein erfolgreich war. Bei dieser Vorgeschichte ist es verständlich, dass man diesmal ausufernder Experimentierlust von vornherein abschwor und zur Sicherheit noch ein paar Pausenclowns engagierte. Eine moralische Anfechtung, der sich die Crew des alten Disney ausgesetzt sah, war immerhin nicht zu befürchten. Zu Beethovens "Pastorale" wollten dessen Zeichner griechische Kentaurenmädels oben ohne tanzen lassen, was die Zensurbehörde des Hollywood Production Code verhinderte: Die vierbeinigen Girls bekamen Büstenhalter. Bei Donald Ducks Gefährtin drohte derartige Versuchung nicht: Daisy Duck hat keinen Busen.

In 14 Berliner Kinos

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