Kultur : Dissens und Discount

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels streitet um die eigene Zukunft

Jörg Plath

Das Timing könnte nicht besser sein. Auf der Frankfurter Messe haben die versammelten Buchhändler und Verleger nicht nur die „Arabische Welt“ zu diskutieren. Es geht auch um die jüngsten Entscheidungen ihres eigenen Verbandes. Und dabei dürften den Vertretern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels die Ohren glühen. Denn der Unmut ist groß. Ein Branchenmagazin nannte den ehrwürdigen Verband schon eine „mafiöse Mördergrube“.

Zwei Entscheidungen und ein Gerücht erregen die Gemüter. Zusammengenommen riecht es nach einer klassischen Klüngelei: Erst wurde der 2005 auslaufende Vertrag von Buchmessechef Volker Neumann direkt vor Messebeginn nicht verlängert. Neumann kam vor zwei Jahren als Nothelfer und begann seine Arbeit mit einem Aplomb: Aus Protest gegen Frankfurts hohe Hotel- und Messepreise drohte er, das weltgrößte Branchentreffen nach München, Hamburg oder Köln zu verlagern. Der Börsenverein war konsterniert. Verleger protestierten lauthals. Neumann äußerte derweil Zufriedenheit über Münchens Infrastruktur und Preisniveau. Im April 2004 aber beschloss der Börsenverein, dass die Messe bis 2010 in Frankfurt bleibt, und nannte Neumanns Vorgehen ein „Verwirrspiel“. Einige Mitglieder, nicht nur Verleger aus München, empfanden das als hektischen Abbruch neuer Überlegungen.

Neumann hatte zu seinem Glück einen Erfolg vorzuweisen. Zwar blieben die happigen Hotelpreise und der übliche Buchungszwang für alle Messetage. Aber der Vertrag mit der Frankfurter Messe, der jährlich zehnprozentige Mietsteigerungen vorsah, wurde geändert. Wie wenig Freunde sich Neumann dennoch gemacht hatte, zeigt sich an der brüsken Art, mit der er jetzt abserviert wird.

Gleich danach kam im September das Gerücht auf, der Börsenverein wolle seine erfolgreiche Buchmessetochter an die Frankfurter Messe GmbH verkaufen. Es wurde sofort dementiert, passt aber zu gut zur Abschiebung Neumanns. Mit ihm wäre der Verkauf nicht zu machen.

Schließlich wurde der durch Peinlichkeiten berüchtigte „Deutsche Bücherpreis“ eingestellt und durch einen neuen nationalen „Buchpreis“ ersetzt. Dass er nicht mehr auf der Leipziger, sondern auf der Frankfurter Messe vergeben werden soll, düpierte das historische Zentrum der Buchkultur. Die Ostdeutschen zögerten nicht und stellten in Zusammenarbeit mit Sachsen und dem Literarischen Colloquium Berlin einen eigenen, mit 45 000 Euro dotierten „Preis der Leipziger Buchmesse“ auf die Beine.

Gute Figur macht der Börsenverein gegenwärtig also nicht. Offenbar wurde nicht einmal der Vorstand, nur der Vorsteher, von dem Abschied für Neumann unterrichtet, was einen Buchhändler in einem Offenen Brief schreiben ließ: „Wieder einmal hat man den Eindruck, dass wichtige Entscheidungen gefällt werden, ohne dass die elementarsten Grundregeln für eine transparente Verbandsdemokratie beachtet werden.“

Solche Unzufriedenheit mit dem Börsenverein bricht sich immer wieder Bahn, und es scheint, als ob die Abstände kürzer werden. Denn im Buchhandel liegen die Nerven blank. Das vierte Jahr in Folge sinken die Umsätze. Nur noch die Großen sowie die Versand- und Internethändler wachsen. Die Konzentrationen im Einzelhandel erschüttern das fragile Gleichgewicht im Börsenverein, und das Standesbewusstsein gerät durch die umfassende Ökonomisierung ins Wanken.

Denn der Börsenverein vereint mit Verlagen, Zwischenhändlern und Buchhändlern sowohl Produktion wie Distribution. Das hat historische Gründe: Der 1825 gegründete „Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig“ organisierte die gemeinsamen Interessen: Er kämpfte gegen die Zensur, für ein länderüberschreitendes Urheberrecht und – wie heute – für feste Ladenpreise.

Naturgemäß schwieriger wird es bei Konflikten zwischen den eigenen Mitgliedern. Mühsam etwa wurde der Streit mit Random House beendet, ab wann der Bertelsmann-Club preiswerte Buchausgaben anbieten darf, ohne die Preisbindung zu verletzen. Derweil wuschen die Buchverlage, die sich vom Club gern die Lizenzen bezahlen lassen, ohne an den festen Ladenpreis einen Gedanken zu verschwenden, ihre Hände in Unschuld.

Das verbindende, spartenübergreifende Standesbewusstsein schwindet. Immer wieder führt der Börsenverein gegen Mitglieder Prozesse, die gegen die Buchpreisbindung verstoßen. Für Verkäufer wie Amazon ist das Buch nichts als eine Ware – nur der gebundene Ladenpreis verursacht lästige Umstände.

Zugleich drängen aggressiv neue Mitbewerber auf den Markt: Aldi bietet die Bibel, die „Süddeutsche Zeitung“, „Welt“, „Bild“ und „Die Zeit“ vertreiben ganze Buchreihen. Die Inhalte kommen von den Verlagen, doch die Buchhändler gucken in die Röhre und dürfen ihren Kunden erklären, warum „normale“ Bücher zwei- bis dreimal teurer sein müssen.

Das Buch wird ein beliebiges Produkt, eine von jedem herzustellende und zu vertreibende Hülle. Diesen Herausforderungen der Mediengesellschaft muss sich der Börsenverein stellen, ohne regressiv auf einem zunehmend historisch wirkenden Standesbewusstsein als Kulturträger zu beharren. Erste Schritte wären größere Transparenz und ein professionelles Management anstelle des jetzigen ehrenamtlichen. Ob eine Aufspaltung des Börsenvereins sinnvoll ist, wofür in einer nichtrepräsentativen Umfrage des Magazins "Buchmarkt" knapp 50 Prozent votierten, wäre dann später zu entscheiden.

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