Kultur : Distanz schärft den Blick

Ende einer Dienstzeit: Angelo Bolaffi, Leiter des Italienischen Kulturinstituts in Berlin, zieht Bilanz

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Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Auf dem Schreibtisch liegt kein Blatt mehr, nur zwei Schalen noch, das letzte Umzugsgut im Büro, stoßfest in Zeitungspapier gewickelt. „Auch dafür ist der Tagesspiegel gut“, sagt Angelo Bolaffi. Die Dienstzeit ist zu Ende, der Umzug fast. Vier Jahre lang hat Bolaffi das Italienische Kulturinstitut in Berlin geleitet, am Donnerstag ist er wieder in Rom. Für länger, aber nicht für immer. Jetzt, mit 65, am Ende des Berliner Jobs und 40 Jahre nach der ersten Ankunft am Bahnhof Zoo, wird Bolaffi richtiger Berliner. Er hat die Mietunterkunft mit einer Charlottenburger Eigentumswohnung vertauscht, er wird sich hier melden, Grundsteuer zahlen – und pendeln.

Nach Rom, in seine Stadt, auf die sein Blick durch die letzten Jahre „total anders“ geworden ist. Stadt und Land hätten „tiefe und schlimme Veränderungen“ erfahren, sagt Bolaffi, die er „wegen der Distanz, dank der Distanz“ heute schärfer wahrnehmen könne. In den siebziger Jahren hat er nicht nur Berlin als „arm und unsexy“ erlebt, Italien insgesamt sei viel reicher gewesen als Deutschland. Das habe sich ins Gegenteil verkehrt: „Italien ist heute hässlicher, ärmer, weniger elegant, auch böser. Sogar die Menschen sind hässlicher geworden. Und wir sind ängstlich, Italien hat Angst vor der globalisierten Welt.“

Die Bildungsreise hat heute die Richtung gewechselt, junge Italiener, Künstler, Schriftsteller, ziehen nach Norden und vorzugsweise nach Berlin. Schade sei es, dass sie hier keine Infrastruktur fänden wie die Deutschen in Italien, Künstlerresidenzen, Stipendien: „Hier in Berlin brauchten wir eine italienische Villa Massimo!“ Doch für die Art Kulturaustausch hat Berlusconis Italien kein Geld.

Am Geld scheiterte auch manches in den vier Jahren, die Bolaffi das Istituto Italiano di Cultura leitete. Das Projekt über italienische Architektur im 20. Jahrhundert zum Beispiel, wo es ihm auch um die Linien zwischen Bauhaus und Faschismus ging. Der Plan eines „Festival Napoletano“ scheiterte an Neapels Müllbergen. „Natürlich wollten hier alle nur noch wissen: Wie kann so etwas geschehen?“ Bolaffi versteht das, aber traurig macht es ihn doch. „Neapel verdient Besseres. Schließlich hat Italien nur zwei echte Metropolen, Venedig und eben Neapel.“

Und was ist gelungen? Gelungen sei ihm wohl, das Image des Instituts zu verbessern, sagt Bolaffi. Nach den Querelen der Jahre zuvor war das nötig: Seinem Vorvorgänger Ugo Perone hatte Rom den Vertrag nicht verlängert und einen Parteigänger installiert, der seinerseits ein Jahr vor Ende der regulären Amtszeit das Institut im Krach verließ. Obwohl inzwischen wieder Berlusconi regiert, will dessen Apparat den Versuch wohl nicht wiederholen. Bolaffis Nachfolger ist Aldo Venturelli, aus seiner Zeit an der Spitze der deutsch-italienischen Villa Vigoni am Comer See nicht als Regierungsgegner bekannt, aber sicher auch kein ausgewiesener Kopf der Rechten.

Image verbessert – das ist sehr bescheiden formuliert. Die Filmsäle, die das Institut unter Bolaffi bespielte, waren gut besucht – am Potsdamer Platz stand man vor Wochen noch Schlange für die Nanni-Moretti-Retrospektive – die Lesungen, sogar unterm neonkalt-stickigen Dach des Instituts, oft übervoll. Die Flucht aus den Institutsräumen war Programm und Tribut ans Dorf Berlin. Nur so komme man mit der Stadt ins Gespräch, findet Bolaffi. „Wer in Charlottenburg wohnt, geht schließlich nicht freiwillig nach Prenzlauer Berg.“

Ein paar Wünsche bleiben: Mehr Europa in der Kultur zum Beispiel. Die Goethe-Institute seien schon ganz gut darin, sagt Bolaffi, die nähmen die kleinen Kulturen mit wenig Geld huckepack. Sonst arbeiteten die Kulturinstitute von Europas Großen noch immer lieber national. Ein Turm zu Babel, ein Hochhaus der Kulturinstitute, das wär’s. „Und der könnte nur in Berlin stehen.“

Und es gibt sogar Grund, sich wieder auf Rom zu freuen: die Märkte. Der Berliner Römer durchstreift sie täglich und wird der preußischen Wiegegenauigkeit keine Träne nachweinen: „Wieder am Stand zu stehen, um einen Zweig Küchenkraut zu bitten und mit einem ganzen Strauß zu gehen – wie ich mich darauf freue!“ Andrea Dernbach

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