Kultur : Diven von morgen

Jörg Königsdorf

Das Gedächtnis von Opernfans funktioniert wie das älterer Menschen: Je länger ein Ereignis zurückliegt, desto besser erinnern sie sich. Gegen die Erinnerungen an die Diven von damals hat die Gegenwart keine Chance. Selbst Produktionen, die vor einem Jahr noch ein Renner waren, sind bei der Wiederaufnahme schon aus dem Gedächtnis gelöscht und finden vor halb vollem Haus statt. Die Deutsche Oper hat seit einiger Zeit jedoch eine Strategie gefunden, dem kollektiven Gedächtnisschwund entgegenzuwirken: Anders als in den meisten Opernhäusern, in denen die Stars nur in der Premierenserie vertreten sind, singen an der Bismarckstraße die Goldkehlen erst in der Reprise. Das macht Sinn: Bei der Premiere sorgt der Neuigkeitswert der Produktion für die nötige Publikumsresonanz, für lange Probenzeiten sind die großen Sänger ohnehin schwer zu gewinnen.

Auch die beiden Produktionen, mit denen das Haus jetzt in die Spielzeit startet, profitieren von dieser Taktik: In Puccinis „Mädchen aus dem goldenen Westen“ steht heute, am Mittwoch und am 2. Oktober der argentinische Startenor José Cura auf der Bühne. Bellinis zartfühlende „Nachtwandlerin“ hat am Donnerstag mit Juan Diego Florez und der in Deutschland noch erstaunlich unbekannten Französin Annick Massis gleich zwei Trümpfe auf der Besetzungsliste (weitere Vorstellungen 1. u. 4.10.). Wie ein gerade erschienener Mitschnitt der Rossini-Rarität „Mathilde di Shabran“ vom Festival Pesaro zeigt, harmonieren die beiden bestens miteinander. Anders als Vera Nemirowas komplexe szenische Interpretation von Puccinis Western-Oper stellt John Dews harmlos-hübsche Bellini-Inszenierung Nachrücker vor keine ernsthaften Probleme. Für Opernfans sind beide Abende eine Zukunftsinvestition: Damit sie in 30 Jahren sagen können, sie seien damals dabei gewesen.

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