Dix-Ausstellung in Stuttgart : Otto tanzt den Shimmy

Dandy oder Bürgerschreck? Die Werke des Realisten, Klassizisten und Malers Otto Dix werden in einer Stuttgarter Ausstellung präsentiert. Dix gilt als Hauptfigur der Neuen Sachlichkeit. Doch was ist das eigentlich?

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Dank in Öl. 1925 porträtierte Dix seinen Anwalt Hugo Simons. Foto: VG Bildkunst 2013
Dank in Öl. 1925 porträtierte Dix seinen Anwalt Hugo Simons. Foto: VG Bildkunst 2013

Der Ausstellungsbetrieb ist ein gefräßiges Wesen. Permanent braucht es Frischfleisch, junges Gemüse. Alternativ stehen Klassiker auf dem Speiseplan. Damit auch die bewährten Größen als Novität erscheinen, werden sie immer wieder auf neue Aspekte konsultiert – bis hin zur Hinterfragung ihres eigentlich gefestigten Status. Das Kunstmuseum Stuttgart wagt dieses Experiment mit seinem Hausheiligen Otto Dix. Im gläsernen Ausstellungskubus mitten im Zentrum der Stadt wird die weltweit bedeutendste Sammlung des Malers gehütet, einer Hauptfigur der Neuen Sachlichkeit. Womit die Problematisierung auch schon beginnt.

Was heißt hier eigentlich Neue Sachlichkeit? Der Direktor der Mannheimer Kunsthalle erfand den Begriff 1925, als er für seine Zusammenschau nachexpressionistischer Kunst eine übergeordnete Bezeichnung suchte. Fast vierzig Jahre später erklärte Otto Dix in einem Interview mit größtem Selbstbewusstsein: „Die neue Sachlichkeit, das habe ich erfunden.“ Zweifel waren schon damals an der kühnen Behauptung angebracht. Nun aber wird Dix selbst einer neuerlichen Prüfung unterzogen. War er wirklich der kritische Chronist der Weimarer Republik, als der er bis heute gilt?

Innerhalb kürzester Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wandelt sich der Maler vom Expressionisten zum Realisten. Nur ein Jahr nach dem flammenden, kubistisch gebrochenen Männerkopf von 1919 entsteht das veristische Bildnis eines trostlosen Arbeiterjungen mit hängenden Schultern und Schiebermütze. Dazwischen legt Dix eine Dada-Episode ein und porträtiert ätzend das Treiben auf der Prager Straße in Dresden. Der Sohn eines Eisenformers und einer Näherin aus Gera weilt zum Kunststudium in der Stadt. Die Schaufenster der berühmten Promenade sind mit Prothesen dekoriert, auf dem Bürgersteig tummeln sich Krüppel. Der Ausriss eines Flugblattes mit der Aufschrift „Juden raus!“ ist als Collage eingefügt. Dix besitzt ein untrügliches Gespür für die Gemeinheiten seiner Zeit.

Mit seinem Berliner „Großstadt“-Triptychon von 1927/28, einem Hauptwerk der Stuttgarter Sammlung, erreicht Dix den Höhepunkt seiner brillanten Kunst, die gleichzeitig messerscharf reportiert und opulent übertreibt. Während sich im Mittelteil des Großformats die Glücksritter der Goldenen Zwanziger amüsieren, bevölkern die Randgestalten der Gesellschaft die Seitenteile: Kriegsinvaliden und Huren.

Gnadenlos bildet Dix die Extreme ab, doch nicht um sich darüber zu erheben oder anzuklagen. Dafür tanzt er selbst viel zu gern den Shimmy und genießt das Leben in den Lotterlokalen. Das Selbstbildnis „An die Schönheit“ (1922) zeigt ihn als smarten Dandy mit pomadisiertem Haar, der von affektierten Schönheiten und einem temperamentvollen schwarzen Schlagzeuger gerahmt wird. Dix versteht sich als Dokumentarist an der Staffelei.

„Der Maler ist das Auge der Welt“, sagt er. „Der Maler lehrt die Menschen sehen, das Wesentliche sehen, auch das, was hinter den Dingen ist.“

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