DJ Max Graef : Knietief in den Siebzigern

In London ist er bekannter als in seiner Heimatstadt Berlin: Musiker und DJ Max Graef mischt Jazzrock und funky Krautrock-Grooves.

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Zwischen Panke und Themse. Max Graef, 23, wohnt im Wedding, hat gerade sein zweites Album herausgebracht und tritt regelmäßig in England auf. Foto: DAVIDS/Markus Heine
Zwischen Panke und Themse. Max Graef, 23, wohnt im Wedding, hat gerade sein zweites Album herausgebracht und tritt regelmäßig in...Foto: DAVIDS/Markus Heine

Die Panke ist ein gewaltiger Hinterhofkomplex im Wedding, ein Kultur-, Kunst-, Kreativhaus, in dem die Max Graef Band ihren Proberaum hat. Dort, sagt Max Graef, gäbe es allerdings nichts zu sehen und nicht einmal Sitzgelegenheiten, also setzt man sich zum Gespräch in den Garten des Panke-Cafés.

Der Wedding, das ist der Kiez von Max Graef, der in Berlin geboren wurde und im Prenzlauer Berg aufgewachsen ist. Man kann hier ganz gut sein eigenes Ding machen, ist ein wenig abseits des Trubels und des Hipstergedöns von Mitte und Prenzlauer Berg. Man kann aber auch in ein paar Minuten genau in diese Welt eintauchen. Oder in den OYE-Plattenladen in der Oderberger Straße fahren, in dem Max Graef eine Weile als Aushilfe gearbeitet hat und in dem er eigentlich ständig abhängt, weil er mit dessen Betreibern befreundet ist. Und weil es dort natürlich Schallplatten gibt.

Für Berlin ist Graef nicht düster genug

Der Wedding passt bestens zu dem groß gewachsenen, jungen Mann, der so gar nichts Prätentiöses an sich hat und der sich zwischen Panke und eigenem Wohnzimmerstudio ums Eck in den letzten Jahren eine sagenhafte Karriere zusammengebastelt hat, wovon in Berlin allerdings noch kaum Notiz genommen wird. „Es ist schon verrückt“, sagt der 23-Jährige, „wenn ich in London vor einem Gig kurz rausgehe, um eine zu rauchen, kommen gleich 20 Leute auf mich zu und fragen, wann es endlich losgeht. In Berlin dagegen kennt mich kein Mensch.“ Berlin und London, das seien Paralleluniversen für ihn. In dem einen wohnt er, im anderen ist er daheim.

Was wohl einfach auch daran liegt, dass Graef eindeutig einen London-Sound produziert und keinen Berlin-Sound. „In Berlin“, sagt er, „gibt es oft die Angst, dass die Musik nicht düster genug ist.“ Düster aber ist das, was Max Graef macht, definitiv nicht. Er hat Stücke mit Titeln wie „Pinkelpause mit den Peanuts“ oder „Where The Fuck Are My Hard Boiled Eggs?!“ produziert. Songs, die so heißen, können gar nicht düster klingen.

Max Graef versenkt gerne mal komplette DJ-Gagen im nächsten Plattenladen

Als Dancemusic in den Neunzigern immer größer wurde, hat man in Berlin vor allem an der ewigen Verfeinerung des Bumm Bumm gearbeitet, was dazu geführt hat, dass der typische Berghain- Techno zum weltweit bekannten Markenzeichen-Sound der Stadt wurde. In London dagegen ging es vor allem um geschmäcklerischen Eklektizismus. Jungle, 2Step, Downbeat, das sind alles typische London-Gewächse, Multikulti-Dance, wenn man so will, bei dem Einflüsse von Jazz, Funk, Hip-Hop und Reggae eine wichtige Rolle spielen. Das ist die musikalische Welt, in der sich Max Graef wohlfühlt. Er habe überhaupt nichts gegen Techno, sagt er, aber wenn er als DJ umherzieht oder auch nur in der Kreuzberger Paloma-Bar auflegt, am liebsten mit Kumpels, die er aus dem OYE-Plattenladen kennt, dann packt er lieber alte Jazz- Funk- und Krautrockplatten auf die Plattenteller. Die absolute Lieblingsband des Musikers ist Breakout, eine polnische Blues- Folk-Combo aus den Siebzigern.

Max Graef legt ausschließlich mit Vinyl auf und ist leidenschaftlicher Jäger, der seine kompletten DJ-Gagen im nächstbesten Plattenladen versenkt. Auch dreistellige Beträge gibt er aus, wenn er glaubt, ein Album unbedingt haben zu müssen. Ob man „Varis“ von der gleichnamigen Band kenne, fragt er. Eine superobskure deutsche Kraut-Fusion-Platte sei das, die im Original nicht unter 250 Euro zu haben sei. Egal, Max Graef musste sie einfach haben.

Der London-Bezug des Berliners, dessen Musikgeschmack von der Plattensammlung seiner Eltern geprägt wurde, kommt nicht von ungefähr. Zweieinhalb Jahre hat er in der englischen Hauptstadt gelebt, die sich gerade verzweifelt gegen den drohenden Brexit sträubt und deren musikalische Weltläufigkeit, die Graef so liebt, akut bedroht zu sein scheint. Auch sein Abitur hat er in London gemacht, wobei er sagt, er wisse gar nicht, wie er das geschafft habe, weil er vor allem mit Musik beschäftigt war.

Die Musik klingt ein wenig, als hier nichts ohne den Konsum von Marihuana entstanden

Mit zwölf Jahren hat Max Graef begonnen, Gitarre und Bass zu spielen und außerdem mit einem Mehrspurrecorder herumzuprobieren. Es müssen noch massig Tapes aus dieser Zeit vorhanden sein, sagt er, auch Sachen mit rückwärts aufgenommenen Gitarrensounds und ähnlichen Spielereien. Sein Debütalbum erschien, als er gerade mal 21 Jahre alt war und nun – zwei Jahre später – liegt „The Yard Work Simulator“ vor. Eine Platte, die er gemeinsam mit seinem Kumpel Glenn Astro aufgenommen hat. Kennengelernt haben sie sich durch den Austausch von Musik über die Internet-Plattform Soundcloud. Erschienen ist das Album auf dem Londoner Label Ninja Tune, der allerersten Adresse für genau den beschriebenen typisch Londoner Schmelztiegelsound. Vor allem Graefs Liebe zum Jazzrock der Siebziger hört man hier, sehr viel spaciges Georgel und Anflüge von Funk. Die Platte ist ziemlich rumpelig produziert, alles leiert und klingt so, als wäre hier nichts ohne den Konsum von Marihuana entstanden. Mitunter wirkt es auch etwas dudelig, aber wer etwas von Jazzrock versteht, weiß, dass das auch eine Qualität sein kann.

Die Platte ist gerade erst erschienen, aber in Gedanken ist Max Graef bereits bei seinem nächsten Projekt: der Max Graef Band, wegen der er in letzter Zeit häufig im Proberaum in der Panke war und von der es auch bald ein Album geben soll. Die Max Graef Band besteht aus Gitarre, Schlagzeug, Bass. Und sehr viel Orgel. Unter unterschiedlichen Namen gibt es die Combo, in der Max Graef den Bass bedient, schon seit einer ganzen Weile, ohne dass groß weiter etwas mit ihr passiert wäre. Nun aber heißt sie nach ihrem bekanntesten Mitglied, auch weil man mit diesem Namen leichter an Gigs kommt. Die Gruppe spielt einen funky, krautrockigen Groove-Sound, bei dem man erneut hört, dass die Lieblingsplatten von Max Graef in den siebziger Jahren entstanden sind. In London wartet man bestimmt schon sehnsüchtig darauf, dass die Band endlich auch dort auftreten wird.

Konzert der Max Graef Band: Gretchen, Obentrautstr. 19–21 , 18.7., 20 Uhr

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