Kultur : DJ Ötzi

Diese Woche auf Platz 2 mit: „Ein Stern (der deinen Namen trägt)“

Ralph Geisenhanslüke

Gerhard Friedle scheint ein Mann zu sein, der seinen Instinkten traut. Feinsinn ist nicht die Sache des 36-jährigen Österreichers. Dafür sprechen Texte wie „Anton aus Tirol“ oder „Gemma Bier trinken“. Doch liegt Friedles Intuition oft richtig: auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. DJ Ötzi, so sein Pseudonym, hat die hochwirksame, ja toxische Kombination zweier scheinbar unvereinbarer Musikstile erfunden: Volkstümelnde Musik und Techno.

Vielleicht hat Friedle sie selbst gespürt, die beiden Strömungen innewohnende Sehnsucht nach Entgrenzung im kollektiven Rausch. Schon sein Vater, der Friedle Anton, war ein Schallplattenunterhalter, bekannt nicht nur in den Schinkenstraßen von Mallorca. Zunächst erlebte der junge Friedle eine unruhige Jugend, war sogar einige Jahre obdachlos. Inzwischen aber ist er ganz oben. Wirtschaftlich zumindest.

Musikalisch könnte man sagen, hat er den Bodenkontakt nicht verloren. DJ Ötzi, das ist die kürzeste Verbindung zwischen Stammtisch und Großraumdisko, zwischen Naabtal Duo und Scooter, zwischen Hörsturz und Pupillenstillstand. Flatrate-Sound zum Flatrate-Saufen. Alkopop in seiner radikalsten Form. Friedle ist aber nicht nur ein erfolgreicher Almdudler, der, wie der Vater, seine Lehrjahre auf Ballermann verbrachte. Er ist außerdem ein Exportartikel. Auch andere Koma-affine Nationen, England und Australien etwa, haben schließlich ein ausgeprägtes Faible für den kleinen Hirntod. Angebliche neun Millionen CDs hat er weltweit verkauft. Intellektuell mag seine Musik einer glatten Null-Linie auf dem EEG entsprechen, akustisch und pekuniär macht sie ordentlich Bumms.

Bei seinem „Burger Dance“ (2003) leierte Friedle einfach die Namen von Fastfood-Ketten herunter. Sogar das wurde ein Top-10-Hit, obwohl sich fast alle Sender weigerten, den Song zu spielen. Nun, nach ätzenden Kritiken, zeigt DJ Ötzi wieder Feeling. Er ist zu Liedern zurückgekehrt, in deren Texten auch Verben und Adjektive vorkommen. „Das Kufsteiner Lied“ oder „Rosamunde“ etwa. Und wirkt nicht die Single „Ein Stern (der deinen Namen trägt)“ schon wegen der komplizierten Grammatik wie ein Deutsch-Leistungskurs? Goldrichtige Bierbauchentscheidung. Neun Wochen stand der Song auf Platz eins der Single-Charts. Da müsste selbst die Gletscherleiche erschaudern, nach der er sich benannte. Nicht umsonst heißt der Ötzi auf Englisch „Frozen Fritz“. DJ Ötzi ist eben einer, der sein Ding ganz cool durchzieht. Vielleicht ist er irgendwann so cool, dass er seinen CDs einen Organspender-Ausweis beilegt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben