Kultur : Doch ein Entertainer

TOBIAS RIEGEL

Töne in der (Kunst-)Galerie: Blixa Bargeld bespielt CD-UnikateVON TOBIAS RIEGELDie Kabel sind liebevoll über den ansonsten kahlen Raum drapiert.Sie kommen aus der Decke, schlängeln sich an den Wänden entlang, verschwinden in Effektgeräten.In einem verwirrenden Kreislauf führen sie von oder zu einem unsichtbaren "unterirdischen Elektrizitätswerk", dem Verstärker, überschneiden sich, bilden ein fragiles Netz.In der Mitte, einer alles steuernden Spinne gleich: Blixa Bargeld.Der Sänger der deutschen Avantgarde-Band der achtziger Jahre, "Einstürzende Neubauten", zieht mit seiner "Temporären CD-Brennerei" in der Contemporary Fine Arts Galerie das Publikum in seinen Bann - auch wenn zunächst wenig passiert.Minutenlang sitzt er da: mürrisch, regungslos und trotz hochsommerlicher Temperaturen in schweres schwarzes Tuch gehüllt."Eigentlich", beginnt der 39jährige, "hatte ich gehofft, hier nicht in die Entertainerrolle gedrängt zu werden".Was er statt dessen erhofft hätte, erfuhr man nicht mehr.Im nächsten Monment steht er vor dem Mikrophon, zwei Fußschalter unter sich, und schickt seine Stimme auf die Reise durch sein verfremdendes Klanglabyrinth.Aus dem Mund in ein Mischpult, über ein Noisegate (einen Klangbegrenzer) und den Jam-Man (ein Töne verändert wiederholendes Modul) geht die Fahrt in den CD-Brenner, der das Resultat auf die kleinen Silberlinge bannt.Ein sekundenkurzer Laut kehrt mannigfach zurück, wirft Echos, bleibt in Endlosschleifen hängen, verheddert sich im Datennetz, verknotet.Das Ergebnis sind unkopierbare CD-Unikate mit Namen wie "Polizeikatzen", "Bergpanorama mit Handwerkern" oder "Der wohlbefindliche Chor", zu erstehen für 500 Mark pro Stück."Wir setzen mit dieser Installation eine Reihe mit der Künstlergeneration um den Jahrgang 1959 fort", so Galerie-Chef Bruno Brunnet.Und: "Die Leute schreien, man solle die Kunst raus aus den Galerien, in andere Zusammenhänge bringen.Wir probieren, neue Zusammenhänge in die Galerie zu transportieren".Ein guter Vorsatz, der bei der Eröffnung am vergangenen Sonnabend mit vollen Räumen honoriert wurde.Bargeld versteht sich innerhalb seiner Installation als "Soundgenetiker".Aus spontan produzierten, akustischen "DNA-Strängen" (es gibt kein Instrument außer seiner Stimme) werden vor Publikum einzelne Stränge isoliert, herausgeschnitten und mit anderen verbunden.Ein sachte gehauchter Ton verwandelt sich während dieser Prozedur langsam anschwellend in an Mönchsgesänge erinnernde, kraftvolle Variationen, die gelegentlich in unerträglich lautem, tierischen Geschrei enden.Wer die CDs kauft und dann auch tatsächlich hört, ist nebensächlich.Hier geht es um den gebannten, nicht wiederkehrenden kreativen Moment.Und ob er es will oder nicht: Bargeld ist ein Entertainer.Ein launischer zwar, aber bestimmt kein alltäglicher. Contemporary Fine Arts GalerieSophienstraße 21 (Mitte), bis 30.Mai.Montag bis Sonnabend 16 - 19 Uhr.

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