Documenta 12 : Beliebige Peripherie

Geteilte Meinung am Eröffnungswochenende. Die "sehr interessante" Ausstellung hat auch "sehr verwirrt". Buergels Versuch, sich auf Südamerika, Afrika und Asien zu konzentrieren, habe die Messe abgewertet, so die Vorwürfe. Oder eben den "Zahn der Zeit getroffen".

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Foto: ddp

KasselDas Warten ist vorbei, Kassel bietet wieder eine documenta: Bundespräsident Horst Köhler hat die weltweit wichtigste Ausstellung moderner Kunst als symbolischer erster Gast eröffnet. Anschließend strömten tausende Besucher am ersten documenta-Wochenende in die Schau. Bei strahlendem Sonnenschein war das Interesse groß, Schlangen gab es aber vor keinem der fünf Ausstellungsbauten. Nach offizieller Zählung hatte die documenta am ersten Tag 9524 zahlende Gäste, hinzu kamen rund 6000 Journalisten und Fachbesucher.

Menschentrauben bildeten sich nur vor den wenigsten Werken. Etwa vor "Floor of the Forest". Dafür hat die Amerikanerin Trisha Brown Seile netzartig in einen Metallrahmen spannen lassen, verbunden sind sie mit Jeans, Polohemden, T-Shirts. Einmal in der Stunde steht ein Dutzend Tänzerinnen neben dem Gestell und bewegt sich langsam und mit ausdruckslosen Gesichtern; synchron nur zueinander, nicht zu der für die monotonen Bewegungen viel zu fröhlichen Musik. Dasselbe Besuchergedränge entsteht Minuten später, wenn ein paar Tänzer auf den Seilen herumklettern und sich in das Netz legen - auch das Teil des Gesamtkunstwerkes.

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"Ich glaube, darüber muss ich noch einmal nachdenken"



"Die Wirkung ist toll. Man bekommt dadurch einen völlig neuen Blick auf Bewegung", sagt Michael Peuser aus Bielefeld. Der Besucher hat Frau und zwei kleine Söhne mitgebracht. Während der Vater sich begeistert zeigt, sehen es die beiden Schulkinder gelassener. "Schon irgendwie cool", sagt einer, doch interessanter schienen ihm die elf glänzenden Bronzestücke des Russen Anatoli Osmolovsky. Der hat die Türme von elf modernen Kampfpanzern nachgebildet, um das Avantgardistische aus den Objekten herauszuholen und dabei mit der Distanz zwischen Kunst und Militär zu spielen.

Zwei ältere Damen wirken hingegen etwas verwirrt. Extra aus Kalifornien sind sie gekommen, um sich die documenta und danach die gleichzeitige Biennale in Venedig anzuschauen. Jetzt stehen sie vor einem Bild des Chilenen Juan Dávila, der zwei Männer vor einer mit einem Hakenkreuz versehenen US-Flagge kopulieren lässt. Auch das Christenkreuz wird zum Hakenkreuz verfremdet. "Etwas ungewöhnlich. Ich glaube, darüber muss ich noch einmal nachdenken", sagt die eine und ihre Freundin stimmt zu: "Dafür brauche ich noch einen Tag."

"Außenstandort El Bulli"

Dávila war am Samstag auch der erste Gast im "El Bulli". Das Restaurant an der Costa Brava gehört dem Starkoch Ferran Adrià, der einer der 113 Künstler der "d12" ist. Monatelang hatte die Ankündigung, zum ersten Mal einen Koch zur documenta einzuladen, für Aufsehen gesorgt; monatelang hatte sich Ausstellungsmacher Roger Buergel über Adriàs Engagement in Schweigen gehüllt. Erst am Mittwoch erklärte Buergel, der Koch werde gar nicht in Kassel präsent sein. Stattdessen sei "El Bulli" ein "Außenstandort", jeden Tag könnten zwei documenta-Besucher dort die experimentelle Küche Adriàs erleben. Dávila als erster Gast: "Es war eine wunderbare Erfahrung."

Doch nicht nur der "Außenstandort" sorgte für Unmut, auch sonst gab es Kritik. Während viele die Konzentration Buergels auf die "Peripherie" - Südamerika, Afrika, Asien - begrüßten, sahen andere darin Beliebigkeit. Die Stars seien in der Ausstellung nicht vertreten, die documenta sei damit nicht mehr die internationale Leitmesse der modernen Kunst. "Ich habe versucht eine Ausstellung zu machen, die den Kern der Zeit trifft", sagt Buergel. Bei der documenta gehe es um komplexe Zusammenhänge, daher der Blick auf die Länder abseits des internationalen Kunstmarktes. Es gebe dort eine Menge unterschiedlicher Strömungen, "mit denen wir viel zu tun haben, mit denen wir noch mehr zu tun haben werden und von deren Kultur wir keine Ahnung haben".

Damit trifft Buergel durchaus den Nerv einiger Besucher. "Das ist dann doch mal eine ganz andere Sichtweise der Welt. Ich finde das neu und spannend", sagt Eva Michalaki aus Griechenland und ihr Landsmann Dimitris Foutris ergänzt: "Am interessantesten finde ich, dass es auch ältere Arbeiten gibt, aus den Siebzigern oder sogar Fünfzigern. Ich empfinde wirklich Lust, mich voll hineinzustürzen." Eine Gruppe schwedischer Besucher ist da zurückhaltender. Erschöpft haben sie sich auf einigen der 1001 alten Holzstühle niedergelassen, die der chinesische Künstler Ai Weiwei nebst ebenso vielen Landsleuten mit nach Kassel gebracht hat. "Sehr interessant" sei die Ausstellung, sagt Bo Johnsson. "Aber verwirrt bin ich doch."  (Von Chris Melzer, dpa)

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