Documenta 12 : Indisch, zeitgenössisch, bunt

Alles ist bunt - ob Fridericianum, Neue Galerie oder Documenta-Halle: Am Samstag wird in Kassel die Documenta 12 eröffnet.

Christina Tilmann

Als sie das erste Mal in dem Saal stand, der für ihre Arbeit vorgesehen war, habe sie einen akuten Anfall von Farbenphobie gehabt, erzählt die amerikanische Konzeptkünstlerin Mary Kelly. Der Saal war pinkrot. „Kann ich meine Arbeit nicht irgendwo anders zeigen?“, habe sie den Documenta-Leiter Roger M. Buergel gefragt. „Tut mir leid, wir haben keine white cubes“, war die Antwort.

Das ist der erste Eindruck von der Documenta 12, die am Sonnabend von Bundespräsident Horst Köhler eröffnet wird: Alles ist bunt. Ob Fridericianum, Neue Galerie oder Documenta-Halle, alle Räume sind kräftig farbig, Wände wie Teppich. Olivgrün und meerblau, dunkellila und leuchtend gelb, strahlend rot und zart-frühlingsgrün sind die Wände gestrichen. Dazu helle Vorhänge, die sich im Winde bauschen: Man wähnt sich nicht in einer Ausstellung für zeitgenössische Kunst, sondern in einer klassischen Gemäldegalerie. Und nur der in der Karlsaue errichtete Auepavillon setzt mit seiner Gewächshausästhetik einen Kontrapunkt.

 Das hat System: Keine Gegenwartskunst ohne Vergangenheit, machen Roger Buergel und seine Kuratorin und Lebensgefährtin Ruth Noack auf der Eröffnungspressekonferenz klar. So beginnt auch der Katalog, der originellerweise nicht nach Künstlern oder Ausstellungsorten, sondern nach den Entstehungsdaten der Werke geordnet ist, bei persischen Kalligrafien aus dem 16., indischen Miniaturen aus dem 17. und einem iranischen Gartenteppich aus dem 18. Jahrhundert. Auch das Schloss Wilhelmshöhe mit seiner hochkarätigen Kunstsammlung wird als Ausstellungsort genutzt: Da hängt dann etwa eine Porträtfotografie von Zofia Kulik gegenüber Rembrandts Saskia. „Diese Documenta fragt nach den Wurzeln der Kunst“, diagnostiziert auch Hessens Kulturminister Udo Corts und nennt es einen „Akt der Selbstvergewisserung in Zeiten der Globalisierung“.

Das Ergebnis ist überraschend stark: ein Plädoyer für den Eigenwert der Kunst im Zeitalter der Globalisierung, rund 500 Werke von 113 Künstlern, in klarer, konzentrierter Präsentation. Und durchaus auch eine Provokation, von konservativer Seite her: Mangelnde Kunstkenntnisse beim Publikum wie bei den professionellen Kritikern diagnostiziert Buergel und plädiert für eine ästhetische Weiterentwicklung der Sinne wie der Intelligenz. Anders als sein Vorgänger Okwui Enwezor oder Robert Storr, derzeit Kommissar der Biennale in Venedig, machen Buergel und Noack keine Ausstellung, in der Kunstwerke für politische Aussagen stehen. Das wurde auf der gestrigen Pressekonferenz deutlich, als auf ein Statement der palästinensischen Künstlerin Ahlam Shibli die reflexhafte Frage kam, ob denn auch ein Künstler aus Israel vertreten sei. „Wir laden Künstler nur wegen ihrer Kunst, nicht als Repräsentanten einer geografischen Region oder politischen Konstellation ein“, stellte Ruth Noack sehr klar.

Seine Grundschulung, so Buergel, habe er übrigens als Junge in den Museen in Berlin-Dahlem erfahren. Da sei man, auf der Suche nach der Toilette, von Ozeanien über Indien bis in den europäischen Barock gelangt, eine Reise durch zwei Jahrtausende in fünf Minuten. Und auch wenn der Documenta-Besucher statt fünf Minuten sicherlich zwei Tage einplanen sollte, steht ihm eine ähnliche Zeit- und Weltreise bevor: „Migration der Formen“ haben sich Buergel und Noack als Motto gewählt. Diese Wanderungsbewegung verfolgen die beiden leidenschaftlich Reisenden nicht nur von Afrika bis nach Japan, sondern eben auch zurück ins 16. Jahrhundert.Christina Tilmann

Kassel, Documenta 12, bis 23. September, Informationen unter www.documenta.de – ausführlicher Bericht folgt

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