Documenta 14 in Athen : Komm, wir besichtigen Ruinen

Wenn der Norden den Süden studiert: 2017 begibt sich die Documenta auch nach Athen. Sie meint es gut, bedient aber uralte Stereotypen. Ein Beitrag der griechischen Autorin Amanda Michalopoulo.

Amanda Michalopoulou
Antike light. Documenta-Vorspiel im September im Städtischen Kunstzentrum Athen. Gestapelte Ruinen in Leichtbauweise, eine Installation von Andreas Angelidakis.
Antike light. Documenta-Vorspiel im September im Städtischen Kunstzentrum Athen. Gestapelte Ruinen in Leichtbauweise, eine...Foto: picture alliance / dpa

Was können die Griechen von den Deutschen lernen und die Deutschen von den Griechen? Die Frage, die derzeit bei vielen politischen Gesprächen in Europa durchschimmert, erhält bei der Documenta 14 im nächsten Jahr auch eine künstlerische Dimension.

Diese bedeutende Institution zeitgenössischer Kunst, vielleicht die bedeutendste der Welt, verlässt kurzzeitig ihre Heimstatt in Kassel und begibt sich nach Athen, mit dem Vorsatz, vom neugriechischen Modell zu lernen. Um dies zu tun, bedient sie sich einer anderen Achse als der zwischen Ost und West und scheidet Europa in Süden und Norden. Die Menschen des Nordens kommen, um den Süden zu studieren: eine zeitgenössische Version der Grand Tour der Romantiker, die ein paar Jahrhunderte vor uns den Mittelmeerraum bereisten, um sich die in Licht gebadeten antiken römischen und griechischen Ruinen anzusehen.

Ruinen gibt es auch heute: kapitalistische Ruinen, Ruinen von Arbeitsverträgen, Ruinen von Beziehungen zwischen Kreditgebern und Gläubigern. Sie sind für einen Großteil der konzeptionellen, pädagogischen, didaktischen Kunst, die heute geschaffen wird, die interessanteren Ruinen des Südens. Wie Joseph Beuys es proklamiert hat: Die zeitgenössische Bildende Kunst ist in hohem Maß auch eine Sache für die Verlierer der Gesellschaft geworden, eine produktive und wandelbare Energie, die dem Publikum als eine innere Notwendigkeit erscheint, als ein Schritt in Richtung Freiheit.

Pornografie der Ruinen

Möglicherweise hießen deshalb die ersten Aktionen der Documenta in Athen „Freiheitsübungen“. In einem sogenannten „Parlament der Körper“ brachten sie keine Kunstwerke in die Stadt, sondern Begegnungen und Narrative, die „andersdenkend, heterogen und verschwiegen“ sein wollten. Am ersten Abend Mitte September legte eine Künstlerin und Vertreterin des kulturellen Erbes der Kawakwaka’wakw, Nisga’a und Tsimshian – indianischer Stämme in Kanada – dem italienischen Politologen Antonio Negri einen Umhang um die Schultern. Sie erinnerte damit unwillkürlich an den Umhang beim Martinszug, der so typisch für deutsche Kindergärten ist.

Der Ort des Geschehens: ein von dem Athener Architekten Andreas Angelidakis gestaltetes Parlament aus 68 weichen Blöcken im Kunstzentrum der Stadt. Auch hier wieder Ruinen, aber speziell angefertigte. Der Blick des Nordens auf den Süden bleibt auch hier, in diesen ersten Documenta-Experimenten unverändert. Zur Ruinenverehrung scheint auch noch die Pornografie der Ruinen zu kommen – „poornography“ ist nach dem treffenden Neologismus des Kunstkritikers Tirdad Zolghadr der hedonistische Gebrauch von Bildern, die den Betrachter extrem verunsichern.

Über die Ruinen von heute breitet sich die blendende Sonne des Südens aus – noch so eine exotische Postkartenansicht. Paul Preciado, einer der Kuratoren der Documenta, schreibt in der französischen Tageszeitung „Libération“ über den Athener Frost der Krise und der Institutionen. Und über die Sonne, „die wie ein Photoshop-Filter alles verhüllt“. Eine ähnlich poetische Ader ist auch bei seinem Kollegen Pierre Bal-Blanc zu finden, der konstatiert: „Athen wird nicht der Schatten der Documenta sein, es wird vielleicht die Sonne von Kassel.“

Der "Norden" weiß wenig vom "Süden"

Ist es nur unsere Wahrnehmung oder findet sich das Gefühl, das die Kunstwerke einmal selbst vermittelten, mittlerweile mehr in den Proklamationen zu den Werken – oft in schlechten Geschmack gekleidet wie in einen melodramatischen Regen? Nach der Documenta X, die 1997 unter der Leitung von Catherine David stattfand, nach dem schrittweisen Eindringen von Humanwissenschaften und politischer Theorie in die Kunstszene wagt man nicht mehr vom Genuss zu sprechen, von der expressiven Seite der Kunst, ihrer Fähigkeit anzurühren und zu verwandeln. Ästhetik wird als überkommener Begriff und als politisch nicht korrekt angesehen. Die Kunst selbst ist bestrebt, ihr eigentliches Wesen zu verlieren – die Mehrdeutigkeit, die Zeichenhaftigkeit, das Atmosphärische. Stattdessen droht sie sich auf dem Altar der Methode und des Dokumentarischen zu verbrennen.

Einige dieser Dokumente zur Documenta bekommen wir jetzt im staatlichen griechischen Fernsehen zu sehen, in der neuen Sendung „Keimena“ (Texte). Sie wird erstmals in diesen Feiertagen ausgestrahlt und versucht, „sich ein anderes Publikum vorzustellen und anzusprechen“. Im Programm sind aber auch Positionen zu finden, die aus dem Pressebüro der derzeitigen Regierung stammen könnten: „Trotz der umfangreichen Budgetkürzungen, die den Betrieb trafen, bleibt ERT die öffentliche Rundfunk- und Fernsehanstalt, insbesondere im kollektiven Bewusstsein Griechenlands: Die umstrittene Schließung des Senders im Jahr 2013 hat im ganzen Land breite Proteste hervorgerufen“, heißt es da.

Die von linker Rhetorik geprägte Documenta-Presseerklärung zeigt plastisch, wie wenig der „Norden“ vom „Süden“ weiß. Das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen Griechenlands – das während der Diktatur entstanden war – blieb auch in den Jahren der Demokratisierung das Sprachrohr der jeweiligen Regierung. Und protestiert haben vor allem zwei umstrittene politische Protagonisten und Populisten: Auf das Gitter des geschlossenen Senders war die vormalige Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou geklettert und Rachil Makri, die die Parteien und politische Richtungen schneller wechselte, als man gucken konnte – eine Witzfigur.

Die Documenta eignet sich die Rhetorik des Widerstands an

Eigentlich verlangen wir etwas unvorstellbar Schwieriges von der Documenta: Sie soll auf das kollektive Unbewusste hören. Sie soll zum Beispiel verstehen, dass der Durchschnittsgrieche, wenn vom „griechischen Begriff der Freiheit“ die Rede ist, der sich von der kapitalistischen Freiheit unterscheidet, nicht an Zenon und Epikur denkt, sondern an Panos Kammenos, den Vorsitzenden der Anel, der rechtspopulistischen Partei der „Unabhängigen Griechen“. Und an das Regierungsbündnis der linksgerichteten Syriza mit den Rechtspopulisten.

Die Documenta eignet sich die Rhetorik des Widerstands an und unterstützt damit, vielleicht ohne es zu merken, ein problematisches nationalistisches, neugriechisches Narrativ: das vom Archetyp des Griechen, der Widerstand leistet, eine Gemeinschaftsfantasie, die 2011 die Empörten auf den Syntagma-Platz brachte.

In etlichen griechischen Zeitungen wurde mit großer Emphase die Ansicht vertreten, dass sich die Sprache und die Ausrichtung der Documenta mit der der Regierung decken. Diese Einschätzung ist zu einem Großteil auf die fehlende Kenntnis hiesiger Kunstkritiker darüber zurückzuführen, in welchem Maß die aktuellen großen Ausstellungen überall auf in Europa und auf der Welt auf radikale politische Theorien fixiert sind. Sie rührt außerdem daher, dass das DocumentaTeam an einen Aufruhr der Athener Bürger glaubt – was ja im Sinne der sich antiautoritär verstehenden Institution Documenta sein dürfte. Dabei verkennt sie die Lage. Die griechische Geschichte ist keine Geschichte des Widerstands.

Stereotypen und Exotismen

Die deutschen Feuilletons reagierten auf die teilweise Verlegung der Documenta, die am 9. April in Athen eröffnet wird und erst im Juni in Kassel, überwiegend positiv. Aber es gab auch kritische Stimmen, nach dem Motto: Hilfe, sie nehmen uns die Documenta weg! Nach Aussage des künstlerischen Leiters Adam Szymczyk war von „Diebstahl“ die Rede, ein Wort, das Deutschland gern in Zusammenhang mit Griechenland bringt. Der „Diebstahl“ und der „Zorn“, der dann irgendwie zum „Mitgefühl“ umgemünzt wird, das sind unterschwellige deutsche Narrative, die von der Documenta kaum erschüttert werden, wenn sie sich weiterhin auf Stereotypen und Exotismen stützt.

„Von Athen lernen“ ist ein schöner, ein intelligenter Titel. Es schmeichelt den modernen Griechen, dass sie weiterhin das Licht der Kultur in die Welt tragen. Sind nicht auch die Athener Olympischen Spiele mit dem darauffolgenden wirtschaftlichen Niedergang mit einem solchen Missverständnis behaftet? Und der Titel behagt auch den Deutschen, die glauben, Lernen, und zwar jegliches Lernen, sei ein Gewinn.

Wenige Monate vor der offiziellen Eröffnung lohnt es sich jedenfalls, darüber nachzudenken, was der „Süden“ und was der „Norden“ bei der Documenta lernen könnte, wenn wir diesen Western der alten Ideen und Bilder einmal beiseite lassen. Wie man das Verständnis vertiefen könnte, trotz der Seitenhiebe, oder gerade deswegen, denn Beschränkung fördert die Kreativität. Der Brückenschlag kann durchaus durch die Kunst erfolgen. Durch dieses so alte, lebensspendende Experiment, das die Menschen nicht durch Emanzipationstheorien zueinander bringt , sondern durch die Praxis: den Emanzipationsakt der Kunst.

Amanda Michalopoulou, geb. 1966, lebt als Schriftstellerin in Athen. – Aus dem Griechischen von Birgit Hildebrand

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