Documenta 14 startet in Griechenland : Die neue Charta von Athen

Diesmal ist alles anders. Die 14. Ausgabe der Documenta wird in Griechenland eröffnet. Kassel muss warten. Und die Kunst sucht eine bessere Welt.

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Auf dem Syntagma-Platz in Athen nähen bei der Documenta-Performance "Check Point - Prosfygika" des Künstlers Ibrahim Mahama aus Ghana junge Menschen Jute-Säcke zusammen.
Auf dem Syntagma-Platz in Athen nähen bei der Documenta-Performance "Check Point - Prosfygika" des Künstlers Ibrahim Mahama aus...Foto: Angelos Tzortzinis/dpa

Auf den ersten Blick hat der Ort nichts Besonderes. Eine Baracke in einem Park, der allerdings Parko Eleftherias, Freiheitspark, heißt. Die Baracke, in der sich heute das Städtische Kunstzentrum befindet, war einst das Hauptquartier der Militärpolizei. Während der Diktatur 1967 bis 1974 befand sich im dahinter gelegenen Gebäude ein Gefängnis. Folteropfer und Widerstandskämpfer haben es zu einem Museum gemacht. Die Baracke aber wurde vor einigen Jahren in einen White Cube für Kunstausstellungen verwandelt, die Geschichte damit eliminiert.

Für die Documenta 14 hat der griechische Architekt Andreas Angelidakis nun Teile der Wand geöffnet, sodass der gemauerte Stein wieder sichtbar wird. Außerdem legte er den Zugang zum hinteren Gebäude, dem ehemaligen Gefängnis frei. Vor der Tür hängt ein schwarzer Vorhang, wie ein Leichentuch. Die Erinnerung ist da.

Dies hier ist einer von über 40 Orten, über die sich die Documenta von Athen verteilt – eine gewaltige Herausforderung zumal für auswärtige Besucher. Hauptschauplätze sind das Konservatorium, das Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst und die Hochschule der Bildenden Künste. Konzerte gibt es im Hafen von Piräus, auf Straßen und Plätzen kommt es zu Aktionen und künstlerischen Interventionen, auch einige antike Stätten sind in das Riesenprogramm integriert.

Aus Kassel in die Welt

Im Städtischen Kunstzentrum hat sich das „Parlament der Körper“ gebildet, ein zentraler Begriff für diese Documenta. Adam Szymczyk, der Kurator der 14. Ausgabe der wichtigsten internationalen Ausstellung zeitgenössischer Kunst, hat mit ihr etwas anderes vor, als sich die Kommunalpolitiker von Kassel jemals träumen ließen. Seit 1955 konnten sie alle fünf Jahre mit Zuverlässigkeit erleben, dass ihre Stadt zum Zentrum der Kunstwelt wird. Nun teilt sie sich die Aufmerksamkeit mit Athen, wo der Niedergang der großen europäischen Idee besonders schmerzt. In diesem Land der EU leiden die Menschen, protestieren sie gegen Berlin und Brüssel, wo die Auflagen für die strenge Sparpolitik wegen der Staatsverschuldung gemacht werden.

Documenta 14 in Athen
Masken des im März 2017 verstorbenen Kwakwaka·wakw-Künstlers Beau Dick im Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst in Athen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Angelos Tzortzinis/dpa
07.04.2017 10:09Masken des im März 2017 verstorbenen Kwakwaka·wakw-Künstlers Beau Dick im Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst in Athen.

Im „Parlament der Körper“ trafen sich bereits vor Eröffnung der Documenta Künstler, Wissenschaftler, Aktivisten zu „34 Freiheitsübungen“, Diskussionen, Tanz, Performances. Freiheit, das ist für den Polen Szymczyk, der den demokratischen Aufbruch seines Landes als Jugendlicher erlebte, ein weiterer zentraler Begriff. Kunst ist für ihn die Möglichkeit, diese Freiheit zu finden. „Die Ausstellung in beiden Städten zu organisieren war sowohl qualvoll als auch wunderschön“, sagt Szymczyk über die drei Jahre der Vorbereitung. Der Kurator will die Besucher gezielt verunsichern: „Verlernen, was wir zu wissen glauben, ist ein guter Anfang“.

So hat der 47-Jährige seine Documenta von Anfang an nicht als fest umrissene Veranstaltung geplant, sondern losgelöst von Zeit und Ort, als Vision, ja fast schon als politisches Instrument, um mithilfe der Kunst in einer sich durch Krieg, Flüchtlingsdramen und Rechtsruck zuspitzenden Wirklichkeit Perspektiven aufzuzeigen. Neue Gemeinschaften sollen sich bilden, ein Aufbruch, „eine Welt der radikalen Subjektivitäten“ entstehen, wie er es nennt. Die Baracke im Freiheitspark von Athen, der in einen Kunstort umgewandelte Schreckensort, bietet den perfekten Ausgangspunkt für die von ihm angezettelte Revolution.

Politik steckt in den Genen

Alles also anders diesmal. Noch nie zuvor wurde die Documenta an einem anderen Ort als Kassel eröffnet, noch nie gab es einen zweiten Spielort. Explizit politisch war sie allerdings auch bei Catherine David 1997 und Okwui Enwezor 2002. Das Politische, in den Stadtraum Ein- und Ausgreifende steckt ihr in den Genen. Das Motto diese Documenta lautet "Von Athen lernen“. Das auch noch, werden sich Kassels Stadtväter gesagt und heimlich ihren Bürgermeister verflucht haben, der während der vierjährigen Vorbereitungszeit standhaft zu Szymczyk und seinem Konzept hielt. In Athen allerdings gibt es nach wie vor Befürchtungen, dass dieses Großereignis wie ein Ufo landet und wieder verschwindet. Bis zuletzt blieben Teile der Szene auf Distanz, die Institutionen aber erkannten die Gelegenheit und luden die Documenta in ihre Räume ein.

Rap erklingt aus dem Garten des Konservatoriums, der junge grönländische Musiker Joar Nango singt von seinen Dämonen – dass jeder Mensch eine böse Seite hat. Neben dem Mischpult wartet ein Riesenstück rohes Fleisch ganz offensichtlich auf seine Weiterverarbeitung. Die Performance dürfte später noch andere Ausmaße annehmen. Gemeinsames Kochen, Essen, Trinken, Singen findet immer wieder auf dieser Documenta statt, die einerseits den anderen eine Stimme geben will, andererseits ein neues Wirgefühl beschwört.

Die isländische Künstlerin Britta Marakatt-Labba zeigt gestickte Bilder, auf denen sie die Ruhestörung der Toten beschreibt. Dahinter steht der Wunsch nach einer Rückkehr der in westliche Museen gelangten Artefakte der Sami. Kolonialismus und seine Folgen, auch dies ist hier Thema. Zu sehen sind außerdem zahlreiche Masken, etwa von Khvay Samnang aus Phnom Penh, Tiere, die den „Weg des Geistes“ aufzeigen, so der Titel. Hinter dieser gleichberechtigten Weltgemeinschaft der Kulturen dürfte kein Museum der Gegenwart, kein Humboldt-Forum mehr zurückfallen können.

Mehr Performance wagen

Von jeder Documenta wird erwartet, dass sie nicht nur das Denken über zeitgenössische Kunst neu justiert, sondern auch Trends aufzeigt, dem gierigen Markt noch nicht Entdecktes liefert. Szymczyks Ausstellung besteht in wesentlichen Teilen aus Performances, womit er den Mechanismen des Marktes eine deutliche Absage erteilt. Die Flüchtigkeit des Mediums versagt sich den Gesetzen des Handels.

Mit der Betonung der Performance knüpft diese Documenta an eine in den politisierten sechziger Jahren populär gewordene Kunstform an. Im 21. Jahrhundert allerdings schwingt häufig eine poetische, melancholische Note mit – wie im Beitrag der in Berlin lebenden türkischen Künstlerin Nevin Aladag.

Staunenswert. Installation von Khvay Samnang aus Kambodscha.
Staunenswert. Installation von Khvay Samnang aus Kambodscha.Foto: dpa

Bei den zahlreichen Performance-Darbietungen mag der Besucher das Gefühl haben, er komme gerade zu spät, oder habe Glück, zufällig in ein besonderes Ereignis hineinzugeraten. Einen solchen glücklichen Moment beschert Aladags „Musikzimmer“. Auf den Flohmärkten Athens hat sie Möbelstücke gefunden und von Instrumentenbauern zu Geigen, Gitarren, Trommeln umgestalten lassen. Plötzlich zupft jemand an den Saiten, die sich über einen runden Wohnzimmertisch spannen, ein anderer Musiker antwortet mit Trommeln und Zimbeln, die an einem Stuhl befestigt sind. Dieses Konzert der anderen Art findet im kalten Untergeschoss des Konservatoriums statt, ein Impromptu, hervorgelockt aus abgelegten Gegenständen des Alltags. Später wird nur noch einmal ein Kind die metallenen Röhren eines aufgehängten Glockenspiels berühren und damit die Möbel zum Klingen bringen.

Hundert Tage in Nordhessen

Die Chance auf eine Wiederbegegnung mit dem flüchtigen Sound wird ab 10. Juni Kassel bieten. Zwei Monate nach der Eröffnung in Athen beginnt der zweite Teil am Ursprungsort der Documenta, traditionell 100 Tage lang. Die 160 Künstler des Auftakts werden auch dort zu sehen sein, mit ähnlichen oder anderen Arbeiten.

Auch nach dem Ausflug in den Süden bleiben die Erwartungen an Kassel groß. Nordhessen sendet Zeichen der Freundschaft nach Athen. Von diesem Samstag an wird über die gesamte Dauer der dortigen Ausstellung an 163 Tagen täglich von 10 bis 20 Uhr weißer Rauch vom Zwehrenturm in Kassel aufsteigen. Dabei handelt es sich um die Arbeit des Künstlers Daniel Knorr mit dem Titel „Expiration Movement“. Darauf antwortet „Every Time A Ear di Soun“, das Radioprogramm der Documenta 14. Es sendet aus Athen und ist in Kassel auf FM 90.4 MHz zu empfangen. Auch über Kurzwelle 15560 kHz wird es ausgestrahlt, digital sowieso. Hier treffen sich die neuen Medien und die ältesten.

Athen, bis 16. Juli. Infos: www.documenta.de. Publikationen: Documenta 14 Reader 35 €, Documenta 14 Daybook 25 bzw. 35 € (Prestel Verlag)

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