documenta : Gewächshaus statt "Darmarchitektur"

Knapp zwei Monate vor der Eröffnung nimmt die zwölfte Kasseler Weltkunstschau documenta Konturen an. Der größte Bau für gut ein Drittel der 400 Exponate ist allerdings schon jetzt umstritten.

Kassel - Nord-Holland heißt einer der größten Stadtteile Kassels, der Name ist ein Erbe von Einwanderern. Besucher der hessischen Stadt könnten sich derzeit aber im Zentrum tatsächlich in die Niederlande versetzt fühlen: Mitten in der Karlsaue, einem Park in der Innenstadt, erstreckt sich eine Art Gewächshaus, 200 Meter lang, 100 Meter breit. Doch der Bau hat keinen gärtnerischen, sondern einen künstlerischen Ansatz: Der "Auepavillon" ist der Hauptausstellungsort für die am 16. Juni beginnende documenta 12 - und durchaus umstritten.

"Fridericianum und Neue Galerie mussten kräftig gelüftet werden. Das kostet Platz", umreißt documenta-Chef Roger Buergel das Problem mit den früheren Ausstellungsorten der alle fünf Jahre stattfindenden "Weltkunstausstellung". Die beiden Museen hätten erst einmal umgebaut werden müssen. "Die Gebäude waren durch Renovierungen teilweise stark verschandelt", erläuterte Kuratorin Ruth Noack. "Sie machten dadurch keinen Sinn mehr." Deshalb habe man versucht, ihren ursprünglichen Charakter zurück zu gewinnen "Wände raus, neue Treppe rein, Fenster wieder sichtbar. Wenig Wand, eigentlich ein Albtraum für einen Kurator." Selbst der Eingang der Neuen Galerie sei verlegt worden. "Wir wollten weg von dieser Darmarchitektur", sagt Buergel, "bei der man nach einem endlosen Gang dann irgendwo hinten verendet". Buergel setzt auf Farbe und eine leichte, transparente Gestaltung. Der Blick nach außen soll immer frei bleiben, um die "Kommunikation der Kunst mit ihrer Umgebung" zu ermöglichen, erklärte Buergel.

Farbe und Licht statt weißer Wände

Die Lösung sollte ein Neubau für ein Drittel der gut 400 Exponate sein. "Glaspalast", "Luftschloss", "Pavillon" - noch vor dem ersten Spatenstich gab es viele Namen und noch mehr Skeptiker. Fraglich war, ob der 9500-Quadratmeter-Bau nicht zu sehr an ein Gewächshaus erinnern würde. Von der "luftigen, leichten Architektur", die Buergel versprach, ist äußerlich nichts zu sehen. Zu sehr entspricht der Flachbau vor der Kasseler Orangerie tatsächlich einem Gewächshaus - wie selbst Buergel ihn wieder nennt.

Innen sieht das Bild, obwohl noch Baustelle, anders aus. Folie verkleidet die Decke, roter Beton den Boden. Stellwände lassen das Konzept von Buergel und seiner Kuratorin und Lebenspartnerin Ruth Noack erahnen. "Das soll nur Hülle sein, die den Bau grob dominiert", erklärt Noack. "Wir wollten weg vom "White Cube"." Doch der "Weiße Würfel", die neutrale Ausstellungsfläche, soll sich auch hier finden. "Das ist dann ein bisschen Kunstmesse. Wir wollen die Leute auch für die Hintergrundmusik einer Ausstellung sensibilisieren", sagt Buergel.

"Auepavillon"-Architekt enttäuscht von der Umsetzung

Dem 44-Jährigen ist der Stolz auf seine "Spielstätten" - neben Auepavillon, Neuer Galerie und Fridericianum noch das Schloss Wilhelmshöhe und die documenta-Halle - anzusehen. Schließlich verschlingen sie den Löwenanteil des Etats von mehr als 20 Millionen Euro. Zweitgrößter Standort wird mit 113 Arbeiten - vor allem Gemälde - die Neue Galerie. Buergel will hier nach seinen Worten "das 19. Jahrhundert aufarbeiten".

Doch gut sieben Wochen vor dem Start hat die documenta ihren ersten Streit. Jean-Philippe Vassal, Architekt des "Pavillons" ist enttäuscht von der Umsetzung. Die Idee werde wertlos, wenn ein ursprünglich offener und luftiger Bau verhängt und klimatisiert werde. Seine Partnerin Anne Lacaton spricht gar von "mangelndem Respekt": "Es ist mehr als eine persönliche Enttäuschung."

"Streit gehört dazu"

"Die Kunst hat nun mal juristisch zugesicherte Rechte", versucht documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld zu beruhigen. "Dazu gehört passendes Licht ebenso wie eine angemessene Luftfeuchtigkeit." Tatsächlich rattern jetzt große Klimaanlagen an der Nordseite des Baus. "Jean-Philippe ist für seine Ideen sehr stark engagiert. Aber wir sind das nicht minder", sagt Buergel. "Es musste eine klare programmatische Entscheidung her. Ich meine, dass sich bei einem Ausstellungsbau die Architektur der Kunst unterzuordnen hat."

Der Bau stößt durchaus auf Resonanz. "Der Pavillon schaut ganz anders aus als geplant, aber ich bin beeindruckt", sagt die Wiener Kunsthistorikerin Sophie Geretsegger. Der Bau sei "nicht wie angekündigt ein Kunstwerk an sich, aber er entspricht wunderbar den Anforderungen an eine Bühne für die Kunst." Der Streit also schon vorbei? "Ach was", sagt Buergel abwinkend, "Streit gehört bei uns doch dazu."

(tso/dpa/ddp)

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