Documenta : Jagd auf Schmetterlinge

Künstler, Tiere, Spekulationen: Nächste Woche beginnt die 13. Documenta in Kassel. Ein Ausblick

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Schuld war eine undichte Stelle in Kassel: Drei Wochen vor Eröffnung der Documenta gelangte die Liste der teilnehmenden Künstler an die Öffentlichkeit. Ein Riesenskandal. Namen wie Abraham Cruzvillegas, Rabih Mroue (Tsp. v. 31.5.) und Michael Portony kursieren seitdem. Zwar gehören sie nicht zu den Stars des Betriebs, aber die Aufregung war erst einmal groß.

Alle fünf Jahre folgt die Documenta dem gleichen Ritual: Ein Geheimnis umgibt sie bis zur Eröffnung im Juni. Nächste Woche ist es wieder so weit, ab Samstag, den 9. Juni, werden in Kassel Werke von über 150 Künstlern aus 55 Ländern zu sehen sein. Dabei gehört es zum sportlichen Teil der Vorberichterstattungen, den ebenfalls alle fünf Jahre neu berufenen Kuratoren möglichst viele Namen abzujagen und die spektakulärsten Beiträge vorab zu verraten. Der Wettlauf macht deutlich: Noch immer gilt die Documenta als wichtigste Ausstellung der Welt.

Nun hatte die diesjährige Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev nicht nur den Künstlern Verschwiegenheit auferlegt, sondern obendrein unter den Auguren Verwirrung gestiftet. Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt in Berlin stellte sie ein neunköpfiges Beraterteam vor, deren Mitglieder als „Agenten“ firmieren und ein gewaltiges Spektrum abdecken. Denn die Documenta 13 bietet nicht nur ein Forum für Künstler, sondern auch für Politwissenschaftler, Biologen, Physiker, Anthropologen, Architekten, Ökonomen, Sprachtheoretiker und Philosophen. Die Öffnung des Museums der 100 Tage begann zwar schon vor 15 Jahren, als mit Catherine David erstmals eine Frau den prestigeträchtigsten Posten übernahm, den der Kunstbetrieb zu vergeben hat. Die jetzige Documenta-Chefin stößt nicht nur Türen und Fenster auf, sondern reißt ganze Wände zu den Nachbardisziplinen ein. CCB, wie sie genannt wird, interessiert sich erklärtermaßen für alles.

Die 55-jährige Amerikanerin mit bulgarisch-italienischen Wurzeln, die am PS 1 in New York als Kuratorin begann, von 2002 bis 2008 das Museo d’Arte Contemporanea in Turin leitete und sich vor vier Jahren mit ihrer Sydney-Biennale für die Documenta empfahl, öffnet der Kunstwelt weitere überraschende Horizonte. So bezieht sie allen Ernstes auch Tiere als Protagonisten mit ein. Ein Schmetterlinggarten etwa wird zur Documenta gehören, der laut Carolyn Christov-Bakargiev vor allem für seine beflügelten Bewohner angelegt ist, weniger für die zahlenden Besucher. Die temperamentvolle Ausstellungsmacherin, die zur weiteren Verwirrung auch noch das Stichwort Öko-Feminismus erfand, ficht selbst der Esoterikvorwurf nicht an. Auch diese Spielart des Lebens ist erlaubt. Und warum sollten Tiere in der Kunst nicht die gleiche Berechtigung haben wie Menschen?, fragt die Besitzerin einer mittlerweile zu Berühmtheit gelangten Malteserhündin namens Darsi, für deren Intelligenz CCB schwärmt. Im Vorfeld publizierte sie prompt einen Hundekalender, für den sie Künstler um Bilder ihrer Vierbeiner bat. Das Kunstpublikum reagierte wahlweise amüsiert oder düpiert – und allemal irritiert.

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