Documenta-Künstler Ibrahim Mahama : Die Politik des Jutesacks

Was bleibt von der Documenta 14, die schon jetzt viele enttäuscht? Zum Beispiel die Kunst von Ibrahim Mahama, der nun in Berlin arbeitet.

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Die von Ibrahim Mahama in Jutesäcke verhüllten Torhäuser in Kassel - ein Highlight der Documenta.
Die von Ibrahim Mahama in Jutesäcke verhüllten Torhäuser in Kassel - ein Highlight der Documenta.Foto: dpa/Uw Zucchi

Die Documenta hat es dieses Mal nicht leicht. Überheblichkeit, politische Lehrmeisterei, Freudlosigkeit wird ihr bescheinigt, die wenigsten Besucher kehren mit leuchtenden Augen zurück, aus Athen wie aus Kassel. Vor allem die erstmalige Ausrichtung in zwei Städten erscheint problematisch, der Athener Teil jedenfalls erweist sich in seiner Summe als Desaster.

Nach dem öffentlichkeitswirksamen, prominent besetzten Start im April, der Griechenlands Hauptstadt wieder von anderer Seite zeigte – nicht nur als Ort der Krise, sondern auch der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst –, kamen kaum noch Besucher. So bekommt das Documenta-Motto „Von Athen lernen“ einen bitteren Nachgeschmack.

Die Documenta in Athen blieb ein Exotikum, lief in der Stadt weitgehend unter dem Radar. Und sie endete Mitte Juli auch eher unbemerkt – als wollte man dem Misserfolg nicht noch mehr Aufmerksamkeit schenken. In Kassel wird das anders sein, das Publikum strömt auch zur 14. Documenta, trotz Verrissen, den Warnungen vor kuratorischer Beckmesserei, hermetischen Kunstwerken, Frust wegen fehlender Beschilderungen und langen Wartezeiten vor dem Fridericianum oder der Neuen Galerie. Die über 50-jährige Geschichte der Weltausstellung wird diese enttäuschende Ausgabe wohl überstehen, die Institution ficht das nicht an.

Documenta 14 in Kassel
Die 14. Documenta in Kassel geht los. Großes Thema auf der Weltausstellung sind die Migranten und die Flüchtlinge in Europa, mit der sich viele der teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen beschäftigen. So auch der Mexikaner Guillermo Galindo.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: AFP/Ronny Hartmann
08.06.2017 11:54Die 14. Documenta in Kassel geht los. Großes Thema auf der Weltausstellung sind die Migranten und die Flüchtlinge in Europa, mit...

Zumal sie als internationales Kulturevent etabliert und für Kassels Stadtmarketing unverzichtbar ist. Womöglich ändert sich nachträglich die Rezeption wie bei der Documenta X von Catherine David 1997, die während ihrer Laufzeit ebenfalls ungeliebt blieb und doch Geschichte schrieb. Wer weiß, welche Samenkörner die aktuelle Documenta trotz schlechter Noten später aufgehen lässt.

Auf die Documenta 13 kam Ibrahim Mahama noch als unbekannter Kunststudent

Ein gutes Beispiel für eine solche Spätwirkung ist der Werdegang von Ibrahim Mahama. Vor fünf Jahren besuchte der damalige Kunststudent aus Ghana die 13. Documenta, seine erste internationale Großausstellung. Sie beeindruckte ihn so sehr, dass er sein eigenes Werk radikal zu ändern begann. Hatte er an der Hochschule in Kumasi zunächst konventionell gearbeitet und sich über Robert Rauschenbergs collagenartige Malerei neue Möglichkeiten erschlossen, so animierte ihn die Documenta 13 dazu, mit dem eigenen Körper zu arbeiten, mit Gips seine Körperformen abzunehmen. Dabei kamen Jutesäcke als Material ins Spiel, als zweite Haut.

Ibrahim Mahama in seinem neuen Domizil in Berlin-Wilmersdorf. Er ist nun für ein Jahr Daad-Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms.
Ibrahim Mahama in seinem neuen Domizil in Berlin-Wilmersdorf. Er ist nun für ein Jahr Daad-Stipendiat des Berliner...Foto: Thilo Rückeis

Für die Documenta 14 hat der inzwischen 30-jährige Künstler nun mit eben solchen Jutesäcken eines jener Schlüsselwerke geschaffen, das wohl in Erinnerung bleiben wird – wie aus früheren Ausgaben Walter de Marias „Vertikaler Erdkilometer“ oder die „1000 Eichen“ von Joseph Beuys. Auch die von Mahama mit Jutesäcken verhängten Torhäuser, die jeder Besucher passiert, der von der Wilhelmshöhe in die Stadt kommt, haben das Zeug zur Documenta-Inkunabel, so nachhaltig beeindrucken die beiden finsteren Skulpturen. In den Torwachen, die ansonsten klassizistisch fein den Eingang zur City markieren, wird zur Linken die Sammlung des Kunsthandwerks verwahrt, zur Rechten befinden sich Teile des Hessischen Verwaltungsgerichtshofes darin.

Die Jutesäcke tragen Spuren ihrer langen Reise rund um den Globus

Mahama hat damit ein eindrucksvolles Bild für den Stadtraum geschaffen – und er schlägt einen großen Bogen: nach Athen, Afrika, ja sogar Asien. Der weltumspannende Moment, die Bezugnahme auf internationalen Handel, Politik, Abhängigkeiten erschließt sich sofort. Dabei besitzt Mahamas Doppelmonument trotz seiner Wucht eine Subtilität und emotionale Kraft wie nur wenige Beiträge in Kassel, durch die Handwerklichkeit und die sichtbaren Spuren.

Denn die grob zusammengenähten Säcke tragen wie eine Tätowierung Beschriftungen, Stempel, Zeugnisse ihrer langen Reise rund um den Globus. Produziert in Asien, werden sie in Afrika benutzt, um Kakao, Bohnen, Kokos, Kohle zu transportieren. Mahama erwarb sie im Tausch gegen neue Säcke, die alten besitzen das kostbare Aroma der Erinnerung. „Mich interessiert, wie sich Krise und Versagen im Material absorbieren, der Bezug zu den globalen Transaktionen und wie kapitalistische Strukturen funktionieren,“ sagt der Künstler.

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