Kultur : Documenta XI: Vor der Kunst den Kopf

Nicola Kuhn

Das Ritual wiederholt sich alle fünf Jahre, wenn ein Documenta-Macher vor die Öffentlichkeit tritt und Auskunft geben soll über seine Pläne für die weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Der Strategien, auf diese hochgespannten Erwartungen zu reagieren, gibt es viele: Der Belgier Jan Hoet jagte in Weimar zwei Tage lang Hunderte von Dias mit Kunstwerken durch den Projektor und machte damit sein Publikum sprachlos; die Französin Catherine David verriet eisern bis zum Schluss keine Künstlernamen und mied auch sonst Begegnungen mit dem Publikum. Der nun für die elfte Documenta berufene 37-jährige nigerianische Kunstkritiker und Kurator Okwui Enwezor wählte bei seinem ersten programmatischen Vortrag in der Hamburger Kunsthalle den Mittelweg: Er sprach beredt und das über wenig Konkretes.

Das aus der ganzen Republik angereiste Publikum musste mit Fassung tragen, dass sich der Referent anderthalb Jahre vor dem offiziellen Start in Kassel nicht in die Karten schauen lassen wollte. Dafür wurde als Trost ein vorverlegter Start der Documenta in Aussicht gestellt; schon im kommenden Monat in Wien mit der ersten von insgesamt fünf sogenannten Plattformen. Denn laut Enwezor ist die Documenta viel zu wichtig, als dass man sie exklusiv auf hundert Tage und einen Austragungsort beschränken dürfte. In Wien nun wird "Democracy unrealized - Demokratie als unvollendeter Prozess" im Rahmen mehrtägiger Podiumsdiskussionen verhandelt, zumindest wurden deren Teilnehmer in einer gestrigen Pressekonferenz vor Ort verraten; darunter neben vielen unbekannten Namen der slowenische Philosoph Slavoj Zizek. Als weitere Stationen sind London, Berlin, Neu-Delhi, Johannisburg, Kinshasa und Lagos vorgesehen, in denen es um "Justiz im Übergang", "Creolité, Kreolität" und das Thema "Unter Belagerung" geht. Die letzte Plattform schließlich wird in Kassel selbst stattfinden in Gestalt der klassischen Ausstellung.

So wurde eines dennoch klar und in Enwezors Hamburger Vortrag unermüdlich repetiert: Der von Wirtschaft und Finanzwelt in den letzten Jahren praktizierten Globalisierung kann nun auch die Kunst nicht mehr entkommen. Das Guggenheim Museum New York hat mit seiner jüngst angekündigten Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum in Wien und der St. Petersburger Eremitage vorgemacht, wie man seine Aktiva, die Sammlungen, und seinen international als Markenzeichen anerkannten Namen über Kontinente gemeinsam gewinnbringend einsetzen kann. Dabei ließ der Referent sein Publikum allerdings im Unklaren, ob er nun tatsächlich Bewunderung hegt für die weltumspannenden Strategien von Guggenheim-Direktor Thomas Krens hegt, die in der Museumswelt ansonsten mit Argwohn beobachtet werden.

An diese verbindlich-unverbindliche Art des neuen Documenta-Machers muss man sich im hiesigen Diskurs wohl erst einmal gewöhnen. Für den seit 1982 in den USA lebenden Afrikaner ist Ambivalenz bezeichnend, etwa wenn er sagt: "Wir sind alle aus dem Westen, aber wir sind nicht unbedingt alle Europäer." In seine Biographie hat sich bereits eingeschrieben, was er die Kunstwelt noch lehren will. Ihm geht es um Hintergrund, Kontext, Bedingungen der künstlerischen Produktion. Anders als bei der jüngsten Documenta, die von einem Hundert-Tage-Vortragsmarathon begleitet wurde, hat Enwezor noch vor das optische Erlebnis die kognitive Erkenntnis gesetzt.

Damit steht dem Besucher oder besser Teilnehmer der Documenta vor dem eigentlichen Kunstgenuss in Kassel ein regelrechtes Exerzitium bevor, in dem er bitteschön erst einmal die sozialen, politischen, ökonomischen Bedingungen der Praxis studieren soll. Ähnlich wie seine Vorgängerin Catherine David setzt Enwezor also auf interdisziplinäre Vernetzung, nennt Anthropologie und Soziologie als Grundlagen seiner Documenta, der keineswegs jene Sinnlichkeit fehlen muss, die bei der gestrengen Französin 1997 so sehr vermisst wurde. So bleibt es dabei: Abwarten und klugen Vorträgen lauschen - oder im Internet www.documenta.de verfolgen.

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