Kultur : Dogma ohne Gott

Dänemark im Berlinale Wettbewerb: Annette K. Olesens faszinierend düsterer Film „In Your Hands“

Christina Tilmann

Wenn es um den Allerhöchsten geht, sind die Dänen nicht zimperlich. Da wischt die Putzfrau ausgiebig am Kruzifix herum, als sei es wirklich nicht viel mehr als ein kompliziert beschlagenes Stück Holz: viele Ecken, in denen sich Staub ansammeln kann. Währenddessen mault die junge Pastorin: „Predigen, was für ein hässliches Wort.“ Und ihr Freund, der neben dieser verhärmten Frau ohnehin nicht recht auf seine Kosten kommt, verlangt: „Mehr Priestersex!“.

Sie habe Dänemarks erstes „Feel-Bad-Movie“ gedreht, rühmt sich Regisseurin Annette K. Olesen. Das will was heißen – in einem Land, das in den letzten Jahren Filme wie Thomas Vinterbergs „Das Fest“ und Lars von Triers „Dancer in the Dark“ hervorgebracht hat. Es heißt auch deshalb etwas, weil Olesen, zuletzt 2002 im Berlinale-Wettbewerb mit „Kleine Missgeschicke“ vertreten, bislang eher als Komödiantin galt. Mit „In Your Hands“ hat sich das radikal geändert.

Sie erzählt eine kleine Geschichte, rund um wenige Protagonisten. Eine Gefängnisseelsorgerin, die ihren ersten Job antritt. Ein Wärter, der sich in eine Gefangene verliebt. Ein Kind, das getötet, eins, das gezeugt wird. Ein Leben gerettet. Und eins geopfert.

Es sind die großen Fragen, die Annette K. Olesen stellt. Nach Gott. Nach dem Glauben. Nach Schuld und Vergebung. Doch sie stellt sie ganz leise. Bleibt nah an ihren Darstellern, hört und sieht ihnen zu. Kommentiert nichts. Nicht nur die Pastorin Anna hat eine Abneigung gegen Predigten, auch die Regisseurin. Nichts wird ausgesprochen, aber alles angespielt. Am Ende fühlt man sich schlecht – und weiß es besser.

Diese Mischung aus Elend und Katharsis geht oft einher mit den Dogma-Regeln, an die sich Olesen diesmal streng gehalten hat. Überhaupt: Sind Dogma-Filme nicht sowieso „Feel-Bad“-Filme? Diese ungeschminkten, schlecht ausgeleuchteten Gesichter, die wackelige Handkamera, der schlechte Sound, das trübe Naturlicht.

So gesehen, ist „In Your Hands“ ein echter Dogma-Film, ein Dogma-Spätfilm sogar. Das Licht ist so schlecht, dass man zeitweilig nicht einmal die Gesichter der Schauspieler erkennen kann – meistens, wenn man es gerade genau wissen will. Die Schauspieler, strahlende Schönheiten wie Ann Eleonora Jörgensen („Italienisch für Anfänger“), Trine Dyrholm oder Sonja Richter („Open Hearts“) erscheinen at their worst: mit fetten Augenringen, strähnigem Haar, geröteter Haut. Und die Themenwahl bietet so ziemlich alles, was sich an Tristesse finden lässt: Krankenhäuser. Gefängnisse. Drogenentzug. Mobbing. Abtreibungen. Kindsmord durch Vernachlässigung. Das freundliche Dänemark: ein schrecklicher Ort.

Glaubensverlust ist dabei noch das geringste Übel. Obwohl er genügt, um die junge Pastorin Anna (Ann Eleonora Jörgensen) völlig aus der Bahn zu werfen. Die frisch graduierte Theologin ist mit sich selbst nicht im Reinen: Sie wünscht sich ein Kind und kann keins bekommen, zweifelt an Gott und gesteht es sich nicht ein, und ist mit dem ersten Job als Gefängnisseelsorgerin erkennbar überfordert. „Kommt zu mir, wenn ihr etwas auf dem Herzen habt“, fordert sie die Gefangenen auf – dabei sieht sogar ein Blinder, dass vor allem sie etwas auf dem Herzen hat. Doch Hilfe annehmen, das kann sie nicht.

Dabei hätte es jemanden gegeben, der ihr hätte helfen können: Kate, eine Gefangene, der übersinnliche Fähigkeiten nachgesagt werden. Trine Dyrholm bleibt bis zum Schluss ein Rätsel, mit ihrem klaren, verschlossenen Gesicht. Der Film kreist um sie, und er zieht einen Bannkreis um sie herum. Es gibt eine Szene in der Kapelle, da beten beide Frauen das Vaterunser, und zwischen den Zeilen wird alles gesagt über Vergebung und Verdammung, Schuld und Sühne.

Es ist viel von Wundern die Rede in diesem Film. Doch passieren tut keins: „Wunder“, so der abgebrühte Gefängniswärter, „sind nur Psychosen von Drogenabhängigen.“ Der Film gibt ihm Recht. Glauben mag man es trotzdem nicht.

Heute 15 und 23.30 Uhr (Royal), 20 Uhr (International)

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