Kultur : Dokö gesucht

Das Ku’dammtheater zeigt eine Fiffi-Burleske.

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Wenn der Herr mit dem Hund spazieren geht, aber mit einer leeren Leine zurückkehrt, stimmt irgendwas nicht. Alex kann sich nicht genau erklären, wo der Geliebte abgeblieben ist. Genauer gesagt: Er kann es seiner Frau Chloe nicht verständlich machen. Und damit beginnen in der französischen Boulevardkomödie „Toutou“ von Daniel Besse und Agnès Tutenuit die Probleme. Denn das Verschwinden der Promenadenmischung fördert allerlei verdrängte Aggressionen zwischen dem Besitzerpaar zutage. Erst in der Extremsituation zeigt der Mensch sein wahres Gesicht, das gilt auch nach 25 Ehejahren.

Im Theater am Kurfürstendamm hat Ute Willing diese Fiffi-Burleske mit Gila von Weitershausen und Winfried Glatzeder in den Hauptrollen inszeniert (bis 22. September). Den beiden sieht man mit Vergnügen zu, wie sie sich in ein schärfer werdendes Scharmützel der wechselseitigen Unterstellungen, Verdächtigungen und Vorwürfe werfen. Es beginnt schon damit, dass sich Alex und Chloe weder auf Farbe noch Rasse ihres Vierbeiners einigen können: grau oder golden, Terrier oder Dokö (sprich: Dorfköter)? Klar, dass bald auch die Schuldfrage im Raum steht. Hat er womöglich beim allabendlichen Gassi-Flirt mit der schönen Nachbarin seine Aufsichtspflichten vernachlässigt, ist er gar ein heimlicher Hundehasser? Hat sie dem kleinen Liebling nicht erst vorige Woche einen Tritt verpasst und ihn „Mistsau“ geschimpft, weil er auf die Orchidee uriniert hatte? In Alex dämmert die Erkenntnis: „Der Hund muss seine Flucht lange geplant haben.“

Weil bei aller Tierliebe diese tiefenpsychologische Konversation doch nicht das Stück trägt, lässt das Autorenduo nach bewährter Ding-dong-wer-kann-das-sein?- Manier einen Hausfreund namens Pavel (Klaus Zmorek) hereinschneien, der von seiner Freundin vor die Tür gesetzt wurde. Pavel wird von der herrschenden Tabula-rasa-Stimmung im bürgerlichen Wohnzimmer (Bühne: Tom Grasshof) gleich angesteckt und packt aus: „Bei euch stinkt es nach Hund!“

Regisseurin Willing versucht gar nicht erst, aus diesem französischen Schwank mehr als das leichte Amüsement herauszukitzeln. Gila von Weitershausen darf sich bei ihrem Ku’damm-Debüt als aufopferungsvolle Ehefrau und Hunde-Humanistin entfalten, die auf die Vermisstenanzeige schreiben möchte: „Habt Erbarmen!“. Winfried Glatzeder gibt mit Verausgabungsbereitschaft den angegrauten Filou und Toutou-Verlierer, der sich mal Größeres vom Leben erhofft hatte. Mehr ist nicht zu holen, der Abend scharwenzelt dem glücklichen Ende entgegen und bleibt so bedeutungsvoll wie ein parfümierter Pudel. Patrick Wildermann

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