Kultur : Doktorspiele (1)

Im Wettbewerb: Björn Runges „Om Ja Vänder Mig Om“

Susanna Nieder

Eine Herztransplantation ist eine äußerst brutale Angelegenheit: die leise klappernden Instrumente, das Zerschneiden von lebendigem Gewebe, das rohe Herz, angeliefert im Plastikcontainer. Wenn alles gut geht, wird am Ende einem Menschen ein neues Leben geschenkt – doch nur um den Preis, dass ein anderer das seine lassen musste.

Die expliziten Bilder aus dem Operationszimmer am Anfang von „Om Ja Vänder Mig Om“ (Morgengrauen) sind eine Einstimmung auf die Schlachten, die in den folgenden 100 Minuten hinter gutbürgerlichen Fassaden, in hübsch aufgepolsterten Sitzecken oder am elegant gedeckten Esstisch, ausgetragen werden. Da ist Anita (Ann Petrén), die seit ihrer Scheidung vor drei Jahren das Leben hasst und blind um sich schlägt. Agnes (Pernilla August), die vom Verdacht gequält wird, dass sie sich auf ihren Mann Rickard (Jakob Eklund) nicht mehr verlassen kann. Anders (Magnus Krepper), der nicht kapiert, dass Frau und Tochter sich nach ihm sehnen und nicht nach dem Geld, dem er 24 Stunden am Tag hinterher rennt. In dieser Nacht begreifen sie, dass ihr Lebensentwurf am seidenen Faden hängt.

Alle haben sie Jahrzehnte lang nach Sicherheit gestrebt, Sitzecken und Esstische aufgebaut gegen die zersetzenden Kräfte, mit denen das Leben an Beziehungen und Familien nagt. Doch die Türen sind seltsam dünn in Björn Runges (Buch und Regie) verregnetem Schweden. Ohne weiteres marschiert der Feind ins Wohnzimmer. Anita, die in ihrer Wut vor nichts zurückzuschrecken scheint, verschafft sich Zutritt zu ihrem ehemaligen Haus, in dem jetzt ihr Ex-Mann mit seiner 25 Jahre jüngeren neuen Frau lebt. Agnes muss zusehen, wie ihre besten Freunde über einem Abendessen ihr Leben demontieren, weil Rickard, ein notorischer Fremdgänger, dem Verrat Tür und Tor geöffnet hat. Und Anders bekommt den Auftrag, ein paranoides älteres Ehepaar in seinem Haus einzumauern, weil sie, wie sich herausstellt, nicht ertragen, dass ihre Tochter ein anderes Leben führt als sie.

In immer schnelleren Schnitten zerrt Runge die Zuschauer von der einen in die andere Katastrophe. Ingmar Bergmans Ehedramen sind milde Andeutungen gegen die Gewalttätigkeit, mit der er seine Figuren zwingt, immer näher an den Abgrund zu schlittern, bis sie endlich sehen, aus welchem Stoff ihr Leben wirklich gemacht ist. Doch Runge hält das Versprechen der Herzplantation: Am Ende des Gemetzels – und erst dann – entsteht die Chance zu einem neuen Leben.

Heute 9.30 Uhr (Royal-Palast), 20 Uhr (International), 23.30 (Royal-Palast)

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