Doku über Kunsthistorisches Museum in Wien : Von Rubensforschern und Mottenzählern

„Das große Museum“ führt hinter die Kulissen einer weltberühmte Wiener Kunstschatzkammer. Johannes Holzhausen zeigt edle Ausstellungsstücke - und die Menschen dahinter.

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Mitarbeiter des Kunsthistorischen Museums Wien
Mit vereinten Kräften: Mitarbeiter des Kunsthistorischen Museums in Wien hängen Pieter Bruegels „Turmbau zu Babel“ wieder akkurat...Foto: realfictionfilme

„Falle neun Nord, sechs kleine Motten“, lautet die Info an die Dame mit dem Schreibblock. Hier oben unter der Decke des Kutschensaals inspiziert auf einer quietschend hochgefahrenen Arbeitsplattform ein junger Mann die installierten Insektenfallen – einer von hunderten Mitarbeitern des Kunsthistorischen Museums in Wien. Ein Mitdarsteller: Denn Johannes Holzhausen geht es in seinem Porträt der altehrwürdigen Institution zwar auch um edle Ausstellungsstücke, vor allem aber um Menschen.

In diesem Haus geht es auch ganz ohne Publikum höchst lebendig zu. Da sind die Reinigungskräfte, die den steinernen griechischen Helden mit dem Pinsel zwischen den Schenkeln herumwuscheln. Die Restauratorinnen, die im Keller an Barockgemälden und ausgestopften Eisbären operieren. Und uniformierte Träger, die die Bilder aus den riesigen Magazinhallen an die Galeriewände befördern. Dort wird die Hängung von den Kuratorinnen (ja, es sind fast alles Frauen) erst am Computer und dann live ausprobiert.

Nicht nur dabei zählt jedes Detail. Denn als eine der weltbedeutendsten Kultureinrichtungen muss das KHM globaltouristische Lüste wie patriotische Befindlichkeiten bedienen. Schließlich sind hier neben Pieter Bruegels „Turmbau zu Babel“ und ägyptischen Sphinxen auch Habsburger Familienschätze zu Hause. Derzeit werden, vor allem zwecks Lockung der internationalen Klientel, einige zentrale Säle umgebaut. Auch das Marketing wird via „Markenprozess“ getrimmt – und schon verwandelt sich etwa die „Schatzkammer“ in eine viel touri-affinere „Kaiserliche Schatzkammer“. Auch die als Elfenbein-Expertin ausgewiesene Generaldirektorin Sabine Haag muss sich vor allem als PR-Frau beweisen.

Holzhausens Film ist Pflichtprogramm für den Kulturbetrieb

„Das große Museum“ ist kommentarloses Beobachtungskino, auch wenn den Abläufen hier und dort sicherlich etwas nachgeholfen wurde. Jede Szene, jeder Schnitt sitzt wie angegossen – von der wunderbaren Intro um den Abtransport eines gewaltigen Habsburger-Porträts bis zum Rüstkämmerer, der sich über die Verbalklischees des neuen Haus-Werbeprospekts lustig macht. Auch gibt es einen Rubensforscher, der wie Rubens aussieht. Und eine lange Rollerfahrt durch die Verwaltungsgemächer. Und viele Sitzungen, die erstaunlich offen Einblicke in institutionelles Kommunikationsgebaren geben. Das hätte ein Frederick Wiseman auch nicht besser hingekriegt.

Verantwortlich zeichnen neben dem Regisseur mit Joerg Burger und Attila Boa (Kamera) und Dieter Pichler (Schnitt) die besten Kräfte des österreichischen Dokumentarfilms. Die ganz ohne Distanzierungsgesten auskommende, kluge und humorvolle Auseinandersetzung mit dem österreichischen Nationalheiligtum, uraufgeführt auf der Berlinale, eröffnete auch das österreichische nationale Filmfestival Diagonale in Graz. Doch auch jenseits solcher nationalen Bezüglichkeiten lässt sich Holzhausens Film vorzüglich als Metapher auf aktuelle Entwicklungen im weltweiten Kulturbetrieb lesen: Pflichtprogramm für alle dort Tätigen – und schöne Kür für alle, die die Künste lieben.

Brotfabrik, Capitol, Hackesche Höfe, Delphi, Eva; OmU: fsk am Oranienplatz

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