Doku über Mordfälle und die Folgen: "Beyond Punishment" : Jenseits der Rache

Vergeltung oder Versöhnung? Die Doku „Beyond Punishment“ von Hubertus Siegert erkundet die durch ein Verbrechen ausgelösten Traumata - und die Mühen, sie zu überwinden.

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Trauma fürs Leben. Patrick von Braunmühl, Sohn des 1986 von der RAF erschossenen Gerold von Braunmühl.
Trauma fürs Leben. Patrick von Braunmühl, Sohn des 1986 von der RAF erschossenen Gerold von Braunmühl.Foto: S.U.M.O.

„Vergebung“ sagt sich leicht – bedenkt man den seelischen Kraftakt, den Vergebung den Betroffenen abverlangt. Hiervon erzählt Hubertus Siegerts hervorragender Dokumentarfilm „Beyond Punishment“, der Täter und Opfer von Gewaltverbrechen bei dem Versuch zur Versöhnung begleitet. Lisa war erst neun, als ihr älterer Bruder in einem Laden in der New Yorker Bronx erschossen wurde. Dass der zu 40 Jahren Haft verurteilte Täter bis heute den Mord nicht zugibt, ist für Lisa und ihre Mutter nicht zu fassen. Sie versuchen, dem Mörder zu vergeben, weil sie weitergehen wollen in ihrem Leben. Aber wie soll man einem Menschen vergeben, der nicht zu seiner Tat steht? Sie reisen nach Wisconsin, wo eine pensionierte Richterin in einem Hochsicherheitsgefängnis Täter und Opfer schwerer Gewaltverbrechen zusammenführt. Im Modellversuch der „Restorative Justice“ kommen zwar nicht die unmittelbar Betroffenen eines Falles an einen Tisch, aber der Austausch jenseits der eigenen schmerzhaften Perspektive schüttelt die festgefahrenen Schuld- und Sühnemuster ein wenig auf.

In Norwegen gibt es ein solches Modell nicht, dafür ist der Strafvollzug dort deutlich liberaler. Stiva hat aus einem eifersüchtigen Affekt heraus seine 16-jährige Freundin getötet. Nach seinem Geständnis wurde der minderjährige Mörder zu neun Jahren Haft verurteilt. Der Vater der Ermordeten, Erik, spricht sehr beherrscht von den Schmerzen des Verlusts, über den er auch nach Jahren nicht hinweg ist. Dass Stiva schon bald aus dem Gefängnis kommt, ist für Erik eine Schreckensvorstellung. Nicht aus Rachegefühlen heraus, sondern weil er die Wiederbegegnung mit dem Täter fürchtet.

Kontakt zu den Tätern suchen

Den Kontakt zu den Tätern sucht Patrick, dessen Vater Gerold von Braunmühl 1986 von der Roten Armee Fraktion erschossen wurde. Wer die Schüsse abgefeuert hat, kam nie heraus. Aber in Manfred, einem RAF-Gründungsmitglied und verurteilten Mörder, findet er ein gesprächsbereites Gegenüber.

Hubertus Siegert („Berlin Babylon“) erörtert sein Thema ohne spekulatives Beiwerk. Auch in hochemotionalen Szenen beobachtet die Kamera aus der Distanz; die Gefühle der Betroffenen und deren Veränderungsprozesse sollen verstanden und nicht zur Schau gestellt werden. Damit zwingt Siegert die Zuschauer in eine produktive Auseinandersetzung mit den durchaus widersprüchlichen Protagonisten. Nachhaltig erörtert die mit kluger Stringenz montierte Dokumentation die Grundfragen von Schuld, Sühne und Vergebung. In keinem der drei untersuchten Fälle kommt es zu spektakulären Versöhnungsszenen – zu sehr verschwimmen für die Angehörigen der Opfer die Grenzen zwischen Vergebung und Verrat. Trotzdem zeigt der Film: Das Streben nach Versöhnung ist stark – für beide Seiten.
In Berlin im fsk, Hackesche Höfe, Kant (alle OmU)

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