Doku über Stuttgart 21 : Einfach draufhalten

Zwei Stuttgarter haben die S21-Demos gefilmt – und die Gewalt. Am Freitag läuft ihre Dokumentation bei der "Perspektive". Eine Vorab-Sichtung im Schneideraum.

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Wutbürger. Bevor man in die Luft geht, geht man auf die Straße.
Wutbürger. Bevor man in die Luft geht, geht man auf die Straße.Foto: Berlinale

Am Ende des Films blickt die Kamera auf den Stuttgarter Kessel herunter, zwei Männer stehen da, Mitglieder der lokalen Punkband Rocket Freudental. Sie schauen ins Tal, dann fängt einer an zu schreien, einen Songtext ohne Musik, ein zorniges Gedicht: „Weiter lügen ums Verrecken / jede Menge Dreck am Stecken“. Er brüllt runter in die Stadt, rauf in den Himmel: „Stein auf Stein auf Stein / und Mörtel zwischenrein / der Turm wird immer größer / und die Scheiße immer böser / Ich bau Scheiße, stapelweise!“ Der Wutbürger, hier steht er.

Es ist ein parteiischer Film, den die beiden Filmstudenten Lisa Sperling, 24, und Florian Kläger, 23, über die Proteste gegen den Bahnhofsabriss in Stuttgart gedreht haben. Es ist auch ein roher Film, und das liegt nicht daran, dass er hier, in dem kleinen Kreuzberger Schneideraum, erst in einer vorläufigen Fassung über die Monitore läuft. „Stuttgart 21 – denk mal!“ ist keine Filmkunst, sondern direktes, kraftvolles Doku-Material, authentisch, wahrhaftig, all diese Worte fallen einem ein. Sicher ist auch dies ein Grund, warum der 75-Minüter in letzter Minute als „Gast“ in die Perspektive Deutsches Kino eingeladen wurde.

Am Anfang gab es gar kein Konzept

Sperling und Kläger studieren Film, Kläger in Ludwigsburg, Sperling in Hamburg, aber während der Dreharbeiten waren sie noch gar nicht immatrikuliert. Beide haben erst im Oktober 2010 ihr erstes Semester begonnen – und gleich wieder pausiert, um an ihrem Film zu arbeiten. Dass eine Uni da zuerst Schwierigkeiten machen wollte, wie die beiden erzählen, ist schwer verständlich. Sollte eine Filmschule nicht froh sein über so aktive Studierende?

Am Anfang gab es gar kein Konzept, erzählen Sperling und Kläger nach dem Screening bei Keksen und Mineralwasser. „Wir haben einfach drauflos gefilmt.“ Seit Januar waren die beiden jeden Montag bei den Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt S21, monatelang, immer mit der Kamera im Gepäck. Sie filmen die Demonstranten, Hausfrauen und Künstler, Opis und Kinder, Rastazöpfe und Krawatten. Und auf dem Weg gelingt den beiden ein Porträt einer Bewegung. „Es kam einfach zu viel zusammen“, sagt eine Bürgerin. Die Argumente der Demonstranten seien „total ignoriert“ worden. Man wolle sich nicht „für dumm verkaufen“ lassen. Irgendwann muss einfach etwas passieren.

Im Grundgesetz steht: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.

Auch einzelne Protagonisten kommen zu Wort. Aktivisten erzählen am WG- Tisch bei Bier und Selbstgedrehten, wie der Widerstand die ganze Stadt zusammenbringe, offener mache: In der Straßenbahn sitze keiner mehr mit verschränkten Armen da. Ein Bankvorstand a. D. sitzt in seinem Wohnzimmer und kritisiert die Verschwendung öffentlicher Gelder durch S21. Und der Theaterregisseur Volker Lösch probt mit einem Demonstrantenchor das knackige Skandieren.

Später sagt Lösch: „Im Grundgesetz steht: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Es steht da nicht: Alle Staatsgewalt geht von Lobbyisten aus.“ Dagegen geschnitten eine Rede von Baden-Württembergs CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus, der über Wachstum redet und über die Notwendigkeit des Durchgangsbahnhofs „aus wirtschaftlicher Sicht.“ Tja.

Nach einer kurzen Drehpause im Sommer fingen Sperling und Kläger am 30. September wieder mit dem Filmen an – ausgerechnet an jenem Tag, an dem die Polizei die Demonstranten im Schlosspark mit Pfefferspray und Wasserwerfern auseinandertrieb und Hunderte verletzte. „An diesem Tag haben wir entschieden: Wir machen einen Film“, sagt der Berliner Produzent Peter Rommel („Sommer vorm Balkon“, „Wolke 9“), der die Filmemacher als Mentor begleitet. Seit Mitte Dezember schält der Cutter Lars Pienkoß aus 30 Stunden Material den Film, 60 000 Euro Budget hat die Produktion, ohne Förderung, ohne Sender im Rücken. Aber eben auch: frei.

Die Polizisten, die die Lkw schützen, tragen volle Kampfmontur

Die aufwühlendste Szene der Dokumentation ist an jenem 30. September entstanden. Die Kamera beobachtet von einem Baum aus eine Lastwagenkolonne, die langsam durch den Schlosspark rollt, immer wieder aufgehalten von Demonstranten. Auf den Wagen: Absperrgitter geladen, später sollen Bäume gefällt werden. Die Polizisten, die die Lkw schützen, tragen volle Kampfmontur. Die Stimmung wird immer angespannter, hier ein Schubser, da ein Schlag, Geschrei, Gewühl, Schlagstöcke, Pfefferspray. Diese Atmosphäre bekommt kein „Tagesschau“-Beitrag hin. Eine Frau steht da, mittelalt. Sie hält sich abseits, schaut auf die Szene. Sie weint.

Peter Rommel, selbst gebürtiger Stuttgarter, sagt, er habe den Film produziert, weil er „der Bewegung etwas zurückgeben“ will. Am heutigen Freitag ist Uraufführung, der Film ist gerade rechtzeitig fertig geworden. Auf einem der Demo-Schilder, die der Film dokumentiert, steht, an die Politiker gerichtet: „Ihr kriegt uns nicht los – wir euch schon!“ Auch in dieser Hinsicht kommt der Film rechtzeitig: Am 27. März wird in Baden-Württemberg gewählt.

Freitag, 16.30 Uhr, Cinemaxx 3 Hausfrauen und Künstler, Opas und Kinder – das Porträt einer Bewegung

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