Kultur : Dokumentarfilm: Blick voraus im Zorn

Silvia Hallensleben

1954 wurde Jean-Marie Téno in einem Dorf im Westen Kameruns geboren. Als er elf Jahre alt war, zog die Familie in die Hauptstadt Yaounde. Seit 1978 lebt Téno in Frankreich, wo er audiovisuelle Kommunikation studierte und fürs Fernsehen arbeitet. Doch regelmäßig kehrt er zu Besuchen zurück. 1998 brachte er eine Kamera mit. Er wollte dem nachspüren, was 30 Jahre Modernisierung aus den Orten seiner Kindheit gemacht hatten.

Ein persönlich-politisches Roadmovie. Ausgangspunkt ist Yaounde, eine quirlige, zwischen Hügeln wuchernde Stadt. Wo damals Felder waren, werden jetzt Autowracks ausgeschlachtet. Doch Ténos ehemaliges Lycée, nach dem französischen General Leclerc benannt, ist zur Ruine geworden, wie so viele der Hochhäuser, die einst für den Fortschritt standen. Drumherum brodelt das Leben. Doch der Fortschritt ist vorbeigezogen, vielleicht weiter aufs Land?

Téno folgt seinen Spuren auf dem neuen "Highway", zum Dorf der Großeltern, wo die Familie früher die Ferien mit Mais- und Erdnussernte verbrachte. Der Mais wird noch genauso wie damals geerntet. Doch statt auf dem Markt verkaufen die Bauern ihr Gemüse auf Matten an der Straße. Und auch die Kakaobohnen werden zum Trocknen auf dem Randstreifen ausgelegt, weil die Asphaltwärme den Prozess beschleunigt.

Die Straße als Lebensader. Vierzig Jahre nach der Unabhängigkeit ist die Vokabel "Dorf" ein Schmimpfwort in Kamerun. "La ville est là", da ist sie doch, die Stadt, sagen die Damen, die in ihrem Hundertseelenort am Straßenrand sitzen, und sie meinen es als Kompliment. Als "futuristische Stadt" gar sieht der nasenpopelnde Präfekt sein Dorf. Strom gibt es, Beton und Dosenmilch. Nur Trinkwasser ist immer noch rar. Doch, so fragt Téno, der seine Filmreise aus dem Off ironisch kommentiert, ist elsässisches Bier wirklich das Maß der Dinge?

Was ist das eigentlich, Modernität? Wer gewinnt daran? Wer sind die Verlierer? Warum gibt es Kredite für Limousinen und Fernseher, aber für Traktoren nicht? Zum Schluss geht es in Ténos Heimatdorf, wo gerade der alljährliche "Congrès de Développement" steigt, früher einmal ein Ort dörflicher Basis-Demokratie. Jetzt ist er zu einem alkoholgetränkten Rummel verkommen, wo am Ende irgendwelchen Siegern ein gesponserter Plastikbeutel überreicht wird.

"Eine lange Reise, nur um in einer Sackgasse anzukommen": Ténos Film ist polemisch. Ein Blick zurück, der seinen Zorn auf die Gegenwart richtet. Kulturkritik ist in Afrika immer auch Kritik an der (Post-)Kolonialgeschichte. Bei Téno hat sie ein konkretes Ziel: die Modernisierung soll vor allem der Entwicklung menschlicher Beziehungen dienen. So gesehen, ist Kamerun überall.

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